Zementwerk will in den Wald

Werkleitung reagiert auf den zu Ende gehenden Rohstoff Kalkstein mit überraschendem Plan / Suche nach neuem Standort am Sulzweg und Grundreisig

Das Wössinger Zementwerk liefert unter der Adresse Opterra den Baustoff Zement weit in die Region hinein. Das hat vor Ort seinen Preis. Der Lugenberg, der höchste Berg in Wössingen und zu Faschingszeiten schon mal wehmütig besungen von Fastnachter Joachim Kinsch, verschwindet allmählich nicht nur aus dem Wössinger Panorama, sondern auch von der Landkarte.

Anderswo, so können sich die Wössinger ein bisschen trösten, entsteht er neu. Ob nun der Richard Löwenherz Tunnel, der Filmpalast beim ZKM, das Eisbärengehege des Karlsruher Zoos, das Bosch Parkhaus über der A8 am Flughafen Stuttgart, das Zentrallager von Edeka oder das SWR Medienzentrum in Baden-Baden – „in dem allem steckt ein Stück Wössingen“ zeigte sich Werkleiter Stephan Schenk mächtig stolz in einer der Werkzeitschriften, die Opterra für die Wössinger herausgibt.

Jörg Heimburg, Leiter Umwelt und Öffentlichkeit des Zementwerks beschreibt den Steinbruch als Rückgrat jedes Zementwerks. Das ist in Wössingen nicht anders. 1000000 Tonnen Kalkstein werden dort pro Jahr aus dem Lugenberg gesprengt. „Der Kalkstein deckt den Löwenanteil unseres Rohstoffbedarfs“, sagt Jörg Heimburg. Dieses Rückgrat wird allmählich brüchig. Selbst der zunächst unendlich erscheinende Hausberg macht allmählich schlapp. So groß ist der Hunger nach dem Rohstoff Kalkstein, dass dessen Ende nicht mehr in der Unendlichkeit erscheint, sondern so nahe rückt, dass sich die Werkleitung Gedanken machen muss. Die Steilwände des Abbaugeländes fressen sich immer weiter in diesen Kraichgau-Hügel hinein.

Das Abbaugelände „Lugenberg“ stößt bald an seine Grenzen. Mit dem Wald beim Sulzweg ist im Hintergrund links die Alternative zu sehen.

Die letztmögliche Erweiterung des Abbaugeländes in Richtung Dürrenbüchig ist mit rund elf Hektar und 150 Metern Länge zeichnet sich ab und ist erst in zehn Jahren verfügbar. Jetzt reagiert die Werkleitung in einem Generationenprojekt. „Der seit Ende der 1980er Jahre aktive Steinbruch Lugenberg stößt im Osten an seine genehmigte Grenze“, heißt es in einer Presseerklärung.

Dieses wenn auch weit in der Zukunft liegende Ende lässt Werkleiter Stefan Schenk und den Leiter Umwelt und Öffentlichkeitsarbeit Jörg Heimburg nicht ruhen. Schließlich will man nicht das Schicksal des Wettbewerbers HeidelbergCement teilen. Die Brennöfen in Leimen werden stillgelegt. HeidelbergCement stellt die Klinkerproduktion in seinem 120 Jahre alten Zementwerk bis 2023 ein. Grund: die Rohstoffvorräte im Steinbruch in Nußloch neiden sich dem Ende zu.

Schenk und Heimburg hingegen haben einen Plan. Am Montagabend schon stellten sie dem Walzbachtaler Gemeinderat in einer nichtöffentlichen Sitzung diesen Plan zur Sicherung des Wössinger Opterra-Standorts vor. „Zukunft Zement aus Wössingen“ ist das Vorhaben betitelt, mit dem das Werk den Ausweg aus der Abbau-Misere sucht.

Grafik: Opterra

Während eines Pressegesprächs präzisierten die beiden Zementwerk-Chefs am Donnerstagmorgen den Weg dahin. Für ein wirtschaftlich arbeitendes Zementwerk sei es unabdingbar, so betonte Heimburg, dass der Rohstoff für den Zement nicht über große Distanzen transportiert werden müsse. Deshalb sei man nach dem Ende des Abbaus im Lugenberg darauf angewiesen, verwertbare Kalksteinvorkommen in der Nähe ausfindig zu machen. Nach einem komplizierten Ausschließungsprozess blieben nur zwei Stellen übrig. Eine dort, wo vor Jahrtausenden die ersten Wössinger gesiedelt haben dürften und letzte Reste deren Besiedlung mit einem Keltengrab am Sulzweg noch vorhanden sind. Mit Probebohrungen wolle man in den beiden Wössinger Wäldern am Sulzweg und im Grundreisig nach Stellen suchen, bei denen die Qualität des unter diesen Flächen liegenden Kalksteins für die Zementherstellung geeignet ist.

Heimburg und Schenk legten dafür einen ambitionierten Zeitplan vor. Schon im zweiten Quartal wolle man – sofern man die notwendige Erlaubnis aus dem Landratsamt erhalte – insgesamt elf Bohrungen in den beiden Waldgebieten niederbringen, im dritten Quartal die Auswertung der Bohrungen vornehmen und im September schließlich die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentieren. Falls die Prüfung positiv ausfalle, werde man den Antrag stellen, die betreffende Fläche als „Vorranggebiet für den Abbau mineralischer Rohstoffe“ im Regionalplan auszuweisen.

Der Neuaufschluss des Steinbruchs wäre dann in rund 20 bis 30 Jahren möglich. Der Transport des gebrochenen Materials werde nicht über die öffentlichen Straßen stattfinden, sondern über ein drei Kilometer langes Transportband. Das Vorhaben werde man der Bevölkerung offen und transparent darstellen, betonte der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit. Dazu sei auch die Website www.zement-aus-woessingen.de eingerichtet worden.

Wie das Zementwerk selbst das Vorhaben darstellt ist der folgenden Presseerklärung zu entnehmen:

Zukunft Zement aus Wössingen

 OPTERRA Werk will Abbau für nächste Generationen sichern Bestehendes erweitern und neue Lagerstätten prüfen – darum geht es bei den Planungen des OPTERRA Zementwerkes, um den mittel- bis langfristigen Fortbestand zu sichern. Sowohl bei der Erweiterung eines aktiven Steinbruchs als auch bei der Erschließung neuer Lagerstätten handelt es sich um komplexe Prozesse mit zahlreichen Beteiligten. Hier ist eine langfristige Planung unabdingbar. Am 23. März 2021 hat OPTERRA das Vorhaben erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit dem Vorhaben „Zukunft Zement aus Wössingen“ legt OPTERRA den Grundstein dafür, dass auch in 20 bis 30 Jahren die kurzen Wege noch zu den Vorteilen gehören, die der Baustoff bietet. Kalkstein, den wichtigsten Rohstoff für Zement, über große Distanzen zu transportieren, ist weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll. Ein Steinbruch muss sich also in unmittelbarer Umgebung des Werkes befinden. Der seit Ende der 1980er Jahre aktive Steinbruch Lugenberg stößt im Osten an seine genehmigte Grenze. Im Rahmen des vorgestellten Projektes strebt das Zementwerk Wössingen die Erweiterung der Abbauflächen an. Dafür soll die Grenze um einen etwa 150 Meter breiten Streifen mit einer Fläche von rund 11 Hektar verschoben werden. Im ersten Schritt muss das Gebiet im Regionalplan als Vorranggebiet für den Abbau von mineralischen Rohstoffen ausgewiesen werden. Darauf folgt das Genehmigungsverfahren, in dem die Rahmenbedingungen für den Abbau festgelegt werden. Erst danach – in etwa zehn Jahren – könnte mit der Erweiterung begonnen werden. Ein zweiter Schwerpunkt des Vorhabens umfasst Erkundungsbohrungen im Umfeld des Werkes. Die Bohrungen in den Wäldern der Gewanne Am Sulzweg und Grundreisig sollen Auskunft darüber geben, ob die Qualität des unter diesen Flächen liegenden Kalksteins für die Zementherstellung geeignet ist. Die Erkundungsbohrungen bedürfen insbesondere der Zustimmung der Genehmigungsbehörde. Zeigt die Auswertung, dass ein Abbau in den betroffenen Gebieten wirtschaftlich machbar wäre, ist noch eine Vielzahl von Schritten notwendig: Neben der Berücksichtigung eines möglichen neuen Abbaugebietes im Regionalplan muss auch die Gemeinde Walzbachtal dem Vorhaben zustimmen. Ein mögliches Genehmigungsverfahren legt auch hier die Rahmenbedingungen zum Schutz von Mensch und Natur fest. Der Neuaufschluss eines Steinbruchs wäre dann in rund 20 bis 30 Jahren möglich.

Auf die Vorstellung des Vorhabens am 23. März 2021 im Gemeinderat folgt nun die Information der Anwohnerinnen und Anwohner durch eine Sonderausgabe der Nachbarschaftszeitung „Dialog“. Sobald wieder möglich, finden auch Live-Veranstaltungen wie Werksführungen, Führungen durch den Steinbruch oder Infostände statt, bei denen sich Interessierte im persönlichen Gespräch mit Vertretern des Werkes über das Vorhaben austauschen können. Geschäftsführung und Werkleitung ist es wichtig, mit allen Beteiligten von Beginn an sowohl über die geplante Erweiterung als auch über die Erkundungsbohrungen offen und transparent zu kommunizieren. „Uns ist bewusst, dass es sich um ein sehr komplexes Verfahren handelt. Es ist daher unser Bestreben, die einzelnen Schritte rechtzeitig und nachvollziehbar zu erklären. Wir begrüßen dazu den konstruktiven Dialog mit allen Beteiligten und setzen auf ein vertrauensvolles Miteinander“, so der Werkleiter Stephan Schenk. Eine wichtige Plattform, auf der ab sofort alle Informationen rund um das Vorhaben abrufbar sind, ist die Website www.zement-aus-woessingen.de. Neben den Meilensteinen des Vorhabens und Antworten auf häufig gestellte Fragen finden Interessierte ein Bürgerforum, über das sie mit den Ansprechpartnern im Zementwerk in Dialog treten können. Direkte Ansprechpartner vor Ort sind der Werkleiter Stephan Schenk und Jörg Heimburg, Leiter Umwelt und Öffentlichkeitsarbeit.

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Kommentare (3)

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    Wössinger

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    Als Antwort auf: Zementwerk will in den Wald
    In der aktuellen Zeit, in der Umweltschutz und CO2 Emissionen groß geschrieben werden ein durchaus zwiespältiges Thema. Ich denke, ein Abbau in den beiden beschriebenen Gebieten, falls man überhaupt fündig wird, sollte an Auflagen geknüpft werden: Verfüllen und Renaturierung des bestehenden Steinbruch und auch die Renaturierung nach Beendigung des Abbau in den neuen Gebieten. Wiederanschluss des Zementwerk an die Bahn. Nutzen der Abwärme die beim Brennen vom Zement entsteht zur Stromerzeugung, ggf sogar Fernwärme wobei letzteres wahrscheinlich eher schwierig ist in der Umsetzung.

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    Ein Jöhlinger

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    Als Antwort auf: Zementwerk will in den Wald
    Zunächst wäre mal zu klären, ob die Firma Opterra denn eine Genehmigung für ihre Probebohrungen in einem Wald hat und wenn ja, wer die Genehmigung erteilt hat. Ich könnte mir vorstellen, dass hier Umweltverbände ein Wörtchen mitzusprechen haben. Es erscheint mir doch zweifelhaft wenn mit schwerem Gerät unsere Wälder beschädigt werden. Im Übrigen kann ich mich dem Bürger aus Wössingen nur anschließen. Derzeit darf die Firma Opterra, ganz legal jährlich 50 kg Quecksilber in die Umwelt blasen. Das sind in 10 Jahren 500 kg und in 30 Jahren 1,5 Tonnen dieses hochgiftigen Metalls. Wenn ich mir vorstelle, dass dieses dramatische Umweltsünde noch über Jahrzehnte so weiter gehen soll muss die Frage erlaubt sein was unserer Umwelt denn noch alles zugemutet werden soll. Der Firma Opterra geht es ausschließlich um Wirtschaftlichkeit. Uns Bürgern von Walzbachtal sollte es aber um unsere Umwelt gehen, in der wir leben. Wir können nicht länger zusehen, wie Großkonzerne aus wirtschaftlichen Gründen unsere Lebensgrundlage nachhaltig zerstören. Wenn es im Walzbachtal für Opterra kein Geld mehr zu verdienen gibt, ziehen sie weiter. Das ist für uns Bürger nicht so einfach möglich.

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    Dirty White Boy

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    Zementwerk ist blöd, Atomkraftwerke sind blöd, Windkraftanlagen sind blöd, … Grundsätzlich bin ich auch davon überzeugt, dass diese Themen unsere Umwelt Übermaßen belasten! Doch wollen wir zukünftig in Höhlen, bei romantischem Kerzenschein, wieder unsere Brieftauben als Kommunikation mit anderen Stämmen nutzen??? Mir fehlt in unserer aktuellen Zeit die Bereitschaft einen Kompromiss hinsichtlich Technologie und Umwelt anzustreben. Überspitzt formuliert stufe ich unser aktuelles Mindset mit „Entweder Atomkraftfreund (AFD) oder Weltverbesserer (Grüne)“ ein und unsere Mitte ist für die Bevölkerung uninteressant. Die Extremen sind gefragt und dadurch rückt der nötige Konsens immer weiter in die Ferne. Blöd!

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