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„Wir müssen reden“

Kazım Erdoğan und Sonja Hartwig in der Stadtbücherei Bretten

(PM) Gut 50 Menschen waren der Einladung von VHS Bretten und DAF – Internationaler Freundeskreis Bretten e.V. zu „Bretten im Dialog“ in die Stadtbücherei gefolgt, um Kazım Erdoğan und Sonja Hartwig zu sehen und zu hören. Kazım Erdoğan von „Aufbruch Neukölln e.V.“ ist der Mann, der in Berlin-Neukölln die erste Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Männer gründete, damit nicht nur über sie, sondern mit ihnen geredet wird.

Die Journalistin Sonja Hartwig begleitete Erdoğan sechs Jahre lang und schrieb das gemeinsame Buch „Kazım, wie schaffen wir das?“ In schnörkellosem Stil und großer Genauigkeit beschreibt und protokolliert sie die Gespräche und ihre Beobachtungen. Immer ist sie ganz nah dran. Gleich zu Beginn der Lesung nimmt die Autorin die Zuhörerinnen und Zuhörer mit in eine Männer-Gesprächsrunde zum Thema „Ankommen“.

Ankommen ist immer noch ein Thema für türkischstämmige Männer, auch wenn sie bereits seit 40 Jahren in Deutschland leben, arbeiten und Familie haben. Sie berichten über ihre Erfahrungen der Ausgrenzung und kleinen alltäglichen Demütigungen, die sie trotz beruflicher Erfolge und Einbürgerung immer wieder „zum Türken“ machen. Hier wird Kazım Erdoğans Methode sichtbar: durch seine Fragen fordert er heraus, gibt den Männern Raum, ihre Frustrationen loszuwerden, und stellt sie dann vor die entscheidende Frage, ob sie gerne in diesem Land leben und ob sie dafür nicht lieber den alten Klischees aktiv begegnen wollen.

„Wir könnten viele Wände volltapezieren“, sagt Erdoğan, „wenn wir aufschreiben, was alles nicht klappt“, aber „es hat keinen Sinn, dass man rumjammert.“ Lieber miteinander reden, um Vorurteile abzubauen. Und er entlarvt ihre Widersprüche, wenn sie herablassend über das schlechte Benehmen der neu zugewanderten Flüchtlinge lästern, bis sie merken, dass sie genau den Vorurteilen aufsitzen, unter denen sie selbst leiden. Er wünsche sich, dass „wir diesen Menschen beim Ankommen helfen“.

Erdoğans Thema, das sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit zieht, ist die Sprachlosigkeit und Kommunikationsarmut in unserer Gesellschaft und zwischen Menschen verschiedener Kulturen. Das Wort „Migrationshintergrund“ mag Erdoğan gar nicht, er spricht von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, und jeder Mensch kann seine eigene Biografie mit Selbstbewusstsein vertreten. Menschen sollten sich unabhängig von Ethnie, Religion, Herkunftsland und Geschlecht auf Augenhöhe begegnen, das gelte für alle Beteiligten. Ganz im Gegensatz zu Thilo Sarrazin, der mal in der Männergruppe zu Gast war und der meint, Integration sei allein die Aufgabe der Neuankömmlinge.  Das verbrauchte Wort „Integration“ kann Erdoğan inzwischen auch nicht mehr hören, für ihn ist das Ziel die Teilhabe aller eingewanderten Menschen am gesellschaftlichen Leben. Nicht zögern, einfach einmischen, ist sein Leitspruch.

Im zweiten Teil las Sonja Hartwig aus dem Buch das verstörende Porträt von Adem, Zuwanderer der ersten Generation, Musterschüler, Akademiker, Doktor der Chemie, Liebhaber deutscher Gedichte, der seinen Sohn verprügelte, bis er nicht mehr konnte. Das Publikum lauschte in beklommener Stille und begriff, wie Gewalt in Familien unreflektiert als Frustrationsventil oder Ordnungsprinzip vom Großvater zum Vater weitergegeben wird, bis der Sohn dann eines Tages seine Kinder schlagen wird. Reden, verhandeln, Zuneigung zeigen wird nicht gelernt. Das gilt beileibe nicht nur für die türkische oder arabische Kultur.

Auch hier liegt ein Schwerpunkt von Kazım Erdoğans Arbeit: „Wir dürfen nicht immer wieder die gleichen Fehler machen.“ Heute gehen seine Männer mit vielen anderen in Berlin für Gewaltlosigkeit auf die Straße, die Demonstrationen heißen „Männer gegen Gewalt“, angefangen haben sie nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln. Inzwischen gibt es in Berlin sechs Männergruppen und eine speziell für Spielsüchtige. Deutschlandweit sollen weitere Selbsthilfegruppen mit Kazım Erdoğan als Geburtshelfer gegründet werden. Nicht nur Gewalt und Rassismus-Erfahrungen werden bearbeitet, auch Ehe und Familie, Ehre, Kindererziehung, Religion.

Das Publikum erlebte Kazım Erdoğan als „sanften Revolutionär“, unverbesserlich positiv denkend, ein Meister des Zuhörens, ein Brückenbauer, der aber kein Blatt vor den Mund nimmt und es schafft, Menschen einen Spiegel vorzuhalten, sie gleichzeitig zu verstehen und ihnen Mut zu machen.

Nach mehr als zwei Stunden setzte Mitveranstalter Gerhard Junge-Lampart vom Internationalen Freundeskreis den Schlusspunkt mit einem Aphorismus des türkischen Dichters Nazım Hikmet, das auch im Vorspann des Buches abgedruckt ist, und entließ ein beeindrucktes und nachdenkliches Publikum.

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