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Weinlese

Die Weinlese hat begonnen. In Oberderdingen, Kürnbach, Zaisenhausen und wo überall sonst noch sich die Reben über die Kraichgauhügel ziehen, wird jetzt die Schlacht des Jahres geschlagen. Aus den Weinbergen klingt Gelächter und arbeitsames Gemurmel. Denn so eine Weinlese ist immer ein Gemeinschaftswerk, immer gesellig. Nicht anders ist es am Oberderdinger Wilfenberg. Dort stehen 1,2 Hektar Schwarzriesling der Kerns. Sie werden in Handarbeit gelesen, jede Traube einzeln abgeschnitten und in die Eimer geworfen. Sonne satt hat in dieser Woche die Arbeit flott von der Hand gehen lassen bei der fünfzehnköpfigen Truppe. Schnipp, schnapp geht es bei ihr von früh bis spät durch die Rebenreihen.

An der Spitze steht Jan Podgulski. Schon seit 20 Jahren kommt der Pole mit einem Gutteil seiner Familie zur Weinlese zu den Kerns nach Oberderdingen. Der Krankenpfleger an dem kleinen Krankenhaus von Strzelin in der Nähe von Breslau nutzt dazu seinen Urlaub und bringt Frau, Brüder, Schwägerinnen, Schwester und andere Verwandte mit, neun der insgesamt 15 Köpfe, die Michael Kern insgesamt einsetzt. Neben Polen eine starke rumänische Fraktion. Dieses Jahr sind sie am 21. September gekommen, werden für einen Monat bleiben und bei den Kerns wohnen.

Über die zwanzig Jahr Jahre hinweg hat sich natürlich eine Beziehung aufgebaut. Jan Podgulski hat während der Lese-Aktionen ein wenig Deutsch gelernt und kann sich mäßig verständigen. Chef Michael hat seine Breslauer in ihrer Heimat schon besucht.

Mit solch langjähriger Erfahrung geht es im Weinberg schnell voran. Die Lesehelfer arbeiten sich bienenfleißig durch die Zeilen. Die Eimer füllen sich mit rasender Geschwindigkeit. Immer wieder schlängelt sich Thomas Schelling mit seinem kleinen Traktor durch die engen Reihen zu den Lesehelfern. Er bringt ihnen die Leseboxen, in die sie ihre Eimer entleeren. Die traditionelle Bütt sucht man bei den Kerns schon seit Jahren vergeblich. „Damit gibt es eine Möglichkeit weniger, bei der die Trauben verletzt werden können“, gewinnt Michael Kern dem Wegfall der Bütt einen gewaltigen Vorteil ab. Denn über beschädigte Beeren machen sich sofort Mikroorganismen her und beeinträchtigen die Qualität.

Aber die ist dieses Jahr bestens. Das Refraktometer zeigt für den Schwarzriesling 89 Grad Öchsle. Dies trotz einer langen Trocken- und vorausgegangenen Nässeperiode. Viel eher als die lange Trockenheit hat den Winzern der Region der Regen im Juli zu schaffen gemacht. Da habe es jede Menge zu kämpfen gegeben gegen echten und falschen Mehltau, berichtet der Winzer. Der kräftige Regen am vorletzten Wochenende sei dennoch „Gold für den Wein gewesen“. Das Laub sei im Moment in einem idealen Zustand um die Traube mit den notwendigen Stoffen zur Reife zu versorgen.

Zwei Drittel der 13 Kernschen Hektar werden per Hand geerntet. Auf einem Drittel kommt der Vollernter zum Einsatz. So sehr die Moderne schon Besitz ergriffen hat von der Weinlese, ist das Kernsche doch ein traditionelles Oberderdinger Weingut. Schon Urgroßvater Karl Kern hat mit dem Weinanbau begonnen. Heute bewirtschaften die Kerns 15 Hektar. Zwei davon liegen zur Zeit brach, dürfen sich von den Strapazen der vergangenen Jahrzehnte erholen und warten zwei Jahre darauf wieder mit Schwarzriesling und Konsorten bepflanzt zu werden. Rund 100.000 Liter Rebensaft holen die Kerns am Ende der Lese aus ihre Weinbergen. Schwarzriesling, Trollinger und Riesling „das sind unsere drei stärksten Sorten“, zählt Michael Kern auf. Sechzig Prozent davon sind Rotwein. Vierzig Prozent trägt der Riesling dazu bei.

Die zu vermarkten falle immer schwerer, „weil der Wettbewerb immer härter wird“, sagt Kern und verweist auf die Edeka, REWE, netto&Co. In den Vollsortimentern holten heute viele ihren Wein aus dem Regal, die sich früher in den Weingütern bedient haben. Mit dem eigenen Angebot in die Supermarktregale zu kommen sei andererseits schwer. Früher seien die Kunden noch im Kernschen Hof vorgefahren und „haben sich das Auto vollgeladen.“ Das gebe es heute kaum noch. Ein Gladbacher Stammkunde sei eine große Ausnahme. Auf der Heimfahrt aus dem Urlaub mache er regelmäßig im Kernschen Hof in der Sternenfelser Straße 51 Station. Bange um seine Zukunft ist ihm dennoch nicht. Der Besen, mit dem sich seine Eltern ein zweites Standbein aufbauen wollten, ist längst einer gutbürgerlichen Gaststätte gewichen.

Text: Arnd Waidelich, Fotos: Corinna Stein/Arnd Waidelich

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