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Beiträge mit Tag ‘Satire’

Journalismus,Satire

Eine ernste Satire

Philippika wider die eigene Wichtigkeit
„Das ist keine vergnügungssteuerpflichtige Veranstaltung“! So pflegte ehedem ein Walzbachtaler Bürgermeister des öfteren kommunalpolitische Veranstaltungen zu etikettieren. Noch mehr gilt dieses geflügelte Wort für die zur Qual aller zäh sich über Stunden hinweg ziehenden, sogenannten Ehrenabende und Festbankette, für die Einführungen von Rektoren und deren Verabschiedung. Selbst in kleinen Grundschulen gerät so ein Ereignis lässig zum etwa zweieinhalb Stunden langen, gefühlt aber noch viel längeren Staatsakt, an dem aber auch jede der neuen Kolleginnen zeigen will, wie toll ihre Kleinen ein Liedchen trällern, wie geschickt sie das Tanzbein schwingen können oder gar – sehr beliebt das und als besonderer Ausweis gelungener Bildungsbemühungen verstanden – einen englischen Sketch mühsam zu Ende bringen. Der Höhepunkt: die Verabschiedung verdienter Rektoren, bei denen nach über drei Stunden zwar schon längst alles gesagt ist, was gesagt werden sollte, aber eben noch längst nicht von allen. Zu einem solchen, karikaturgleichen Akt in Mikroformat geriet jetzt die Vorstellung der Sonderveröffentlichung Nr.36 des Heimatvereins Kraichgau: „Zeichen der Siege – Zeichen der Trauer. Kriegerdenkmale und Gedenktafeln im Kraichgau“. Stätte des Dramas. Der Wössinger Hof. Geladen. Sämtliche Bürgermeister der Region, sämtliche Vorsitzenden der Heimatvereine der Region und noch viele andere Honoratioren. Anwesend: Der Autor, der Ehrenvorsitzende des Heimatvereins Kraichgau, der Vorsitzende des Heimatvereins Kraichgau und sein Stellvertreter samt Gattin, der hiesige und ein benachbarter Bürgermeister, der Vorsitzende des hiesigen Heimatvereins und ein frohgemut auf ein schnelles Ende hoffendes Pressevertreterlein. Neben dem Autor sechs, in Worten: sechs Personen. Später – der Vorsitzende befindet sich gerade im Höhenflug eines zwar nicht von ihm verfassten, in vier eng beschriebenen Manuskriptseiten aber sehr inhaltsreichen Elaborats, das selbst vor den Kriegen des Mittelalters nicht Halt macht und bis zu denen in der Neuzeit streift – stößt ein weiteres verdientes Mitglied des Heimatvereins Kraichgau zur Truppe hinzu. Man ist gemütlich im aller-, allerengsten Kreis unter sich. Die Stimmung: eher gedämpft angesichts des Einladungserfolgs. Lustlos ringt man sich nach ebenso länglichem wie vergeblichem Warten auf verspätet hereinhastende Besucher zum Start durch. Dem Beobachter scheint die Absage der Veranstaltung geraten oder zumindest das Eindampfen auf eine rabiate Kurzform geboten. Doch weit gefehlt. Als ob die Veranstalter das fehlende Publikum durch umso mehr Verve wettmachen wollten, läuft zunächst der einführende Vorsitzende zu ganz großer Form auf. Als ob auf den leeren Stuhlreihen gleich hunderte begierig an seinen Lippen hängen würden, benutzt er sein Manuskript als Grundlage zur freien Assoziation über Jugenderinnerungen und Naziterror. Erschrocken kommentiert er später die Vorhaltung, sein Vortrag habe 25 Minuten gedauert: „Was? 25 Minuten?“ Selten hat man einen so ungläubigen Blick gesehen. Es folgt eine kleine Pause. –Erwartungsfroh klemmt sich der verdienstvolle Autor des Bandes hinter seinen Laptop, rückt seinen Stuhl zurecht, macht es sich bequem für das, was da kommen sollte. Ein kurzer Blick auf sein Manuskript lässt Schlimmes ahnen. Ein dickes Bündel Papier legt er sich sorgfältig neben dem Laptop zurecht. Ein besorgter Blick zum Nachbar Ehrenvorsitzender. Der beruhigt: „Das dauert höchstens eine drei viertel Stunde!“ Spätestens da war Schluss mit lustig und die Veranstaltung ging in den pressefreien Status über. Zurück Einen Kommentar schreiben Kommentar von T.R. | 25.11.2011 Köstlich! :oD Kommentar von Michael Krause | 25.11.2011 Ein ganz fantastischer Bericht in einer leider selten genutzten Deutsch-lichkeit, bemerkenswerter Wortwahl und feinem Satzbau. Dieses Können, Wissenswertes entweder gekonnt zu verdichten oder aber Längen unterhaltsam zu spannen, schien den Vortragenden abhanden oder nie zugetragen worden zu sein. Liebe Heimat zeigt sich eben auch im Gebrauch und Pflege der Muttersprache. Danke für den Beitrag Kommentar von Robert Hörr | 25.11.2011 Herrlich! T. R. und M. K. haben schon alles gesag; bleibt nur zu wünschen, dass man so etwas Schönes öfter liest.

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