Süß die Glocken klingen?!

Geläut der Kirchen findet nicht überall Anklang

Endlich Wochenende. Ausschlafen steht da bei vielen werktags hart Arbeitenden ganz oben auf der Wunschliste. Nachbarn von Kirchen tun sich damit manchmal schwer. Morgens um sechs Uhr schon beginnt in vielen Gemeinden ein Läute-Rhythmus, der von biblischem Vorbild bestimmt wird. Ganz genau Bescheid weiß darüber Dr. Martin Kares.

Der in Dürrenbüchig wohnende Leiter des Orgel- und Glockenprüfungsamtes der evangelischen Landeskirche in Baden führt den Dreistundenrhythmen auf die „Stundengebete“ der Mönche im Mittelalter zurück.

Viele Kirchengemeinden hätten sich für den Glockenschlag eine sogenannte Läuteordnung ausgearbeitet. Sie kann von Gemeinde zu Gemeinde durchaus sehr unterschiedlich ausfallen. In Weingarten beispielsweise nimmt man auf die Langschläfer Rücksicht. Die Glocken der evangelischen Auferstehungskirche läuten morgens zum ersten Mal um sieben Uhr, später dann um zwölf und achtzehn Uhr. Dazwischen wird jeweils im Viertelstundentakt die Zeit durch Hammerschläge signalisiert.

Die direkt nebeneinander stehende evangelische und katholische Kirche wechseln sich dabei monatlich ab. Die Uhrzeit wird nur von jeweils einer Kirche angeschlagen. Beschwerden über das Läuten habe die Kirchengemeinde noch nicht erhalten, berichtet Katrin Katz vom Pfarramt der evangelischen Kirchengemeinde.

Einige Gemeinden würden das 9-Uhr-Läuten zum Aufruf zum Gebet in Kindergärten oder Schulen nutzen, ergänzt Martin Kares. Das sei ja auch der ursprüngliche Charakter des Glockenläutens gewesen. Er weiß aber selbstverständlich, dass der erste Glockenschlag in aller Herrgottsfrüh nicht überall Freunde findet. Aufkommenden Beschwerden könne man allerdings mit gesetzlichen Grundlagen begegnen.

Eingehalten werden müsse die Technische Anleitung Lärm (TA). „Wir sorgen dafür, dass die Glocken nicht lauter sind als die gesetzlichen Grundlagen“, meint Kares. Es gebe ganz einfache Einflussmöglichkeiten, beispielsweise ein Bronze-Puffer auf dem Schlag-Klöppel, der die Lautstärke mindert.

Die Schallläden in den Kirchtürmen dichter zu machen, ist ein weiteres probates Mittel. Das sei im Glockenturm der Wössinger Weinbrennerkirche durch das Schrägstellen der Lamellen geschehen, weiß Joachim Dittus, der im Wössinger Kirchengemeinderat über viele Jahre hinweg für die technischen Aspekte der Weinbrenner Kirche zuständig war. Durch die Richtung der Lamellen werde der Schall nach unten und nicht ins Dorf hinein abgestrahlt.

Diese Eingriffsmöglichkeiten hätten allerdings auch Grenzen, berichtet der Glockenbeauftragte der Landeskirche. Diese Grenzen würden oft durch den Denkmalschutz gesetzt. Die Kirchen zählen fast immer zu den ältesten Gebäuden der jeweiligen Gemeinden, würden demzufolge genauso oft unter Denkmalschutz stehen und dürfen deshalb nicht verändert werden. Deshalb könne man manche Kirche nicht so nachrüsten wie es der Nachbar gern hätte. In den Fällen müssten sich die Nachbarn eben mit dem Klang der Glocken arrangieren.

Dreißig Jahre schon sei er im Geschäft, sagt Kares, und in dieser ganzen Zeit könne er von nur einer gerichtlichen Auseinandersetzung berichten. Ein Unbelehrbarer habe sich nicht von einer Klage vor Gericht abbringen lassen, sei damit allerdings gescheitert. Im gesamten Bezirk der badischen Landeskirche mit ihren rund 800 Kirchtürmen komme die gefühlte Belästigung natürlich öfter vor.

In Heidelberg-Wieblingen beispielsweise habe das frühe Gebetsläuten um 6.00 Uhr zu Beschwerden geführt, berichtet Kares. Der Kirchengemeinderat habe daraufhin die Gebetszeit auf 9.00 Uhr verlegt. Damit könne jetzt auch im Kindergarten und in der Schule im Religionsunterricht mitgebetet werden.

In fast allen Fällen gelinge es ihm, eine solche gütliche Einigung zu erzielen. „Ich gehe hin und spreche mit den Leuten. Wichtig ist es, sie ernst zu nehmen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen“, sagt Kares. In den meisten Fällen könne das vor Ort geregelt werden.

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Kommentare (10)

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    Lars

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    Als Antwort auf: Süß die Glocken klingen?!
    Warum in Jöhlingen auch nachts der Viertelschlag durchgehen „läuft“ ist nicht nachzuvollziehen. in der TA Lärm besteht nur eine Ausnahme von den Gesetzlichen Ruhezeiten von 22.00 -06.00 Uhr für liturgisches Läuten. Der viertelschlag ist hierdurch nicht gedeckt und somit ziemlich sicher unzulässig. Ob es eine 5 Minuten langen Gebimmels um 06.01 Uhr bedarf, ist meine Auffassung nach zumindest auf der zwischenmenschlichen Ebene fragwürdig, rechtlich wohl nicht zu beanstanden. Muss hier z.B arme Schichtarbeiter wirklich durch eine rückwärtsgerichtete Tradition um seinen Schlaf gebracht werden, oder alle anderen, die diesen brauchen? Überall gibt es Lärmaktionspläne, weil Lärm krank macht. Und auch Glöckengeläut ist Lärm, jede 15 Minuten, die ganze Nacht durch., Von der Dauerbeschallung mehrmals am Tag mal ganz abgesehen. Hier sollte sie die Kirche endlich den Bedürfnissen der Moderne anpassen. Aber tut sie ja in keinem Belang. Erklärung für den Mitgliederschwund…

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      Klaus Kußmann

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      Als Antwort auf: Süß die Glocken klingen?! Als Antwort auf: Lars
      Wir wohnen seit einigen Wochen in der Nähe und nahezu höhengleich mit dem Glockenturm. Natürlich hören wir jedes Schlagen oder Läuten. Ab ca. 05:30 Uhr läuft ein Wettbewerb zwischen 3 Hähnen in unserer näheren Umgebung, wer denn nun heute zuerst krähen wird.
      Ich finde diese Geräuschkulisse als angenehm und sie erinnert mich, dass ich auf dem Land lebe. Wer auf dem Land groß geworden ist, kennt es gar nicht anders und wird sich daran auch nicht stören. Wer einen gesunden Schlaf hat, wird das Schlagen zur Viertelstunde nicht hören. Wer um 06:00 Uhr seinen Tag beginnt, wird möglicherweise erkennen, wie schön ein Sonnenaufgang mit einer Tasse Kaffee sein kann.
      Aus meiner Kindheit und Jugend weiß ich allerdings auch, dass am Samstag um 16:00 Uhr die Glocken geläutet haben. Damit hat man das Wochenende eingeläutet und niemand hat danach gearbeitet oder sonstigen vermeidbaren Lärm gemacht. Darüber sollten alle die einmal nachdenken, die noch um 20:00 Uhr oder später Rasen mähen müssen oder diejenigen, die mit unseren Hähnen aufstehen, um kurz danach Motorradmotoren warmlaufen lassen müssen, damit sie zehn Minuten (oder mehr) später mit laut aufheulendem Motor ihre ganz persönliche Freiheit durch den Ort tragen können.
      Was ich sagen will: Lasst die Kirchen und Hähne im Dorf! Denkt jeder mal darüber nach, welchen Lärm er selbst vermeiden kann. Wer im Glashaus sitzt, der werfe besser nicht den ersten Stein. Und wem es auf dem Land nicht gefällt, der kann ja z.B. an eine Ausfallstraße in die Stadt ziehen …..

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        Lars

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        Herr Kußmann, schön, das Sie persönlich davon nicht gestört fühlen. Tut aber nichts zur Sache. Es gibt gesetzliche Regelungen in Form der TA-Lärm. Diese gilt. Punkt. Als gesetzliche Regelung, der eine Wertung der unterschiedlichen Interessen und Schutzbedürfnisse zu Grunde liegt. Und nur weil es Sie nicht stört, bedeutet das nicht, dass Lebenssituationen Anderer nicht so sind, das diese permanente Beschallung nicht massiv stört. In der TA Lärm und der Polizeiverordnung der Gemeinde ist übrigens Rasenmähen nach 20.00 Uhr nicht zulässig…

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          Klaus Kußmann

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          zu Lars:
          möglicherweise hilft es zu prüfen, aus welcher Zeit und mit welchem Hintergrund Glockengeläut stammen.
          Wenn Sie dann prüfen, seit wann es eine TA-Lärm gibt (Erlassen aufgrund von: § 48 BImSchG: Rechtsmaterie: Umweltrecht: Ursprüngliche Fassung vom: 16. Juli 1968 (Beil. zum BAnz. Nr. 137 vom 26. Juli 1968) Inkrafttreten am: 9. August 1968 Letzte Neufassung vom: 26. August 1998 (GMBl. S. 503) Inkrafttreten der Neufassung am: 1. November 1998) und mit welchem Hintergrund diese erarbeitet wurde, so werden Sie feststellen, dass ganz sicherlich nicht das Glockengeläut verhindert werden sollte.
          Es ging mir bei meinem Kommentar auch nicht um meine Belange. Vielmehr wollte ich zum Ausdruck bringen, dass man zuerst prüfen sollte, wo man sich niederlässt. Sich die Gegebenheiten in der Umgebung anpassen zu wollen, nachdem man sich dort eingerichtet hat, halte ich für falsch.

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        S.Fabry

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        Sehr geehrter Herr Kußmann,
        bei jedem Ihrer Sätze muss ich Ihnen recht geben. Wir wohnen ebenfalls nahezu höhengleich mit dem Glockenturm. Unterhalb unseres Gartens hat es Hühner, einen Gockler und Enten. Aber noch nie habe ich mich gestört gefühlt. Störend dürften Grillabende bis in den sehr späten Abend hinein sein und mit steigendem Alkoholpegel lautes Gerede und lautes Lachen. Dann noch die Spezies, die bis in den Morgen hinein meinen grölend singen zu müssen.

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      Bernhard

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      Nur eine kleine Richtigstellung: Um 6.01 Uhr morgens läuten keine „GlockeN“ sondern lediglich EINE Glocke, und das auch nicht 5 Minuten sondern nur 3 Minuten lang (wie übrigens auch um 12 und um 18 Uhr). Okay, man kann das als etwas spitzfindig empfinden, aber wenn man schon so genau sein will, dann richtig. Daher also weiter: Der Viertelstundenschlag ist ebenfalls kein „Glockengeläut“ sondern lediglich ein Glockenschlag (bzw: drei Glockenschläge), daher ist auch die Aussage, dass „Glocklengeläut…jede 15 Minuten, die ganze Nacht hindurch“ nicht korrekt.
      Und: Erklärung für Mitgliederschwund ist nicht unbedingt mangelnde Bereitschaft der Kirche, sich moderneren Bedürfnissen anzupassen, sondern eher die mangelnde Bereitschaft der Menschen, sich an den traditionellen und moralischen Werten der Kirche und des Glaubens zu orientieren und sich darauf einzulassen; auch, wenn man das als „rückwärts gerichtete Tradition“ empfindet.

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        BeeSS

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        @ Bernhard: Vielleicht stimmen ja auch die traditionellen und moralischen Werte der Kirche nicht mehr.

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    Ikas

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    Das ist sowieso so ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. War das früher nicht auch gedacht um die Uhrzeit mitzuteilen weil nicht jeder eine Uhr hatte? Naja ist ja auch egal.
    Ich weiß aus erster Hand wie es z.B. in Neibsheim ist, da gibt es Tage da ist die Glocke quasi nur am erklingen weil ständig Gottestdienste abgehalten werden, nichts dagegen aber dieses herumgebimmel ständig muss 2021 wirklich nicht mehr sein.
    Um die Leute zu beschwichtigen kann man auch einfach die Glocke… aus lassen? Tut keinem weh, spart der Kirche viel Geld weil man quasi gar keine mehr braucht und spart überall drum herum nerven. Es kann sich ja schön anhören, aber wenn man in der Nähe wohnt hat man die A-Karte. Und ab 6 Uhr schon rausbimmeln? Und das am besten noch am WE na danke. Zum Glück wohne ich nicht in der nähe einer Kirche.

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    Lars

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    Man stelle sich den Sturm der Entrüstung vor, sollte mitten in Jöhlingen um 06.01 Uhr und noch 4 mal am Tag ein Muezzin zum Gebet rufen…Dürfe vermutlich auch unter das Thema „liturgisches Läuten“ fallen und dürfte zulässig sein…
    Der nächtliche Viertelschlag ist NICHT zulässig, daher kann ich auch nicht nachvollziehen, das gemäß Lärmaktionsplan die Hautstraße mit eine Geschwindikeitsbeschränkung 30 versehen wurde, die Kirchturmuhr aber nachts durchbimmeln darf. Das Argument, wer neben eine Kirche ziehe, müsse mit Glockengeläut rechnen, zieht hier in der Zeit vom 22.00 – 06.00 Uhr eben durch die TA Lärm gerade nicht, die diese ausschließt. Aber wo kein Kläger da kein Richter…

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      S. Fabry

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      Na ich bitte Sie. Haben Sie überhaupt eine Ahnung was der Muezzin ruft? „Allah ist der Allergrößte“ „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt“ „Ich bezeuge, dass Mohammed der Gesandte Allahs ist“
      Dann doch lieber ’süßes‘ Glockengeläut – meine Meinung. Und überhaupt sei es jedem selbst überlassen in die Nähe einer Kirche mit Geläut zu ziehen bzw. in der Nähe wohnen zu wollen. Die Kirche mitsamt Geläut stand übrigens schon vorher da.

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