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Stolpern in Flehingen

Erinnerungssteine an jüdische Familie durften verlegt werden

Es ist vollbracht. Nach zehnjähriger Vorbereitungszeit liegen drei Stolpersteine versteckt in einer Ecke des Gehwegs vor der Flehinger Bahnhofstraße 3. Sie sollen Erinnerung sein an die jüdische Familie Schlessinger, die hier wohnte und im August 1942 und 1943 in die Gaskammern von Auschwitz ging.

Lange hatte nicht nur der Leistungskurs Geschichte des Brettener Melanchthongymnasiums (MGB) und sein Lehrer Dirk Lundberg darauf gewartet, dass der Kölner Künstler Gunter Demnig die Erlaubnis zur Verlegung dieser Steine von der Gemeinde Oberderdingen erhielt.

Gunter Demnig verlegt die drei Steine für die Familie Schlessinger, links ein Enkel, der extra aus Kanada angereist war.

Die drei Steine seien ihr 2010 schwer im Magen gelegen, gestand Solange Rosenberg während der Feierstunde, die der Verlegung der Steine in der Aula des MGB vorausging. Als Vertreterin des Oberrats der jüdischen Gemeinden in Baden sei sie damals vor Ort und entsetzt gewesen, dass Proteste Flehinger Bürger die Verlegung der Steine verhindert hätten. Noch mehr habe sie sich allerdings darüber gewundert, dass die Gemeinde sich geweigert habe, die Steine auf öffentlichem Grund und Boden zu verlegen, „wo doch der Bürgersteig nicht Eigentum der jeweiligen Hausbesitzer ist, sondern Eigentum des Orts“. Die Verweigerung sei damit begründet worden, dass „man nicht ständig an das schlimme Vergehen der Judenverfolgung erinnert werden möchte.“ Antisemitismus sei kein Phänomen der Vergangenheit, sondern werde wieder offen gezeigt.

Thomas Nowitzki betonte , dass es gelungen sei, von den Eigentümern der Bahnhofstraße 3 die Zustimmung zur Verlegung der drei Stolpersteine zu erhalten. Der Oberderdinger Bürgermeister wies andererseits auf die freundschaftlichen Verbindungen hin, die der Landkreis Karlsruhe mittlerweile schon seit 1992 mit der israelischen Region Sha`ar HaNegev pflege. Das verstand er als Teil der Bemühungen, „den Anfängen zu wehren“.

In der Beziehung redeten die Schüler des Leistungskurses Tacheles. Insbesondere Patrick Opacic geißelte diese Anfänge mit schrecklichsten Zitaten aus Reden der AfD-Führer Gauland („NS-Zeit ein Vogelschiss der Geschichte“) und Höcke. Er fragte sich aber auch, wie Menschen so bösartig werden konnten und sah das als Gefahr, der man sich immer bewusst sein sollte: „Dieser Fußabdruck der Geschichte führt uns unsere eigene Fehlbarkeit vor Augen“.

Diesen „Fußabdruck“ zeichneten seine Kollegen des Leistungskurses eindrücklich nach mit der Schilderung des Lebenslaufes und der Schicksale derer man an diesem Tag gedachte. Dazu zählte auch das Brettener Opfer und Zeuge Jehova Oskar Tretter. Für ihn wurde noch vor den Flehingern ein Stein in der Weißhoferstraße 29 verlegt. Seinen Mut, für seinen Glauben einzustehen, attestierte der Brettener Zeuge Jehova Wolf Bauer den Schülern, die sich Tretters Schicksals angenommen hatten.

Das „unfassbare Grauen“ thematisierte Oberbürgermeister Martin Wolff. Die Stolpersteine sollten Mahnung sein, über die man nicht mit den Füßen, sondern vor allen Dingen mit dem Kopf stolpern solle. Genau deshalb unterstütze er diese Aktion und engagiere sich bei den „Mayors for Peace“ und der Brettener Friedenswoche.

Dieser Anlass sei kein Grund zur Freude, „obwohl wir uns über jeden neuen Stein freuen“, meinte Steineverleger Gunter Demnig. 75000 davon gebe es mittlerweile in 26 europäischen Ländern, sagte er, ehe er sich mit der gesamten Gruppe zum Steinverlegen aufmachte zunächst in die Weißhoferstraße und dann die Flehinger Bahnhofstraße.

Dort ergriff ein weiteres Mal mit David Schlessinger ein Enkel der Ermordeten das Wort mit dem Aufruf: „Wir dürfen niemals vergessen, was hier geschehen ist. Auf dass ein Holocaust nie wieder passieren möge“.

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Kommentare (3)

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    Johann Barabas

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    Als Antwort auf: Stolpern in Flehingen
    Haben wir in Walzbachtal eigentlich auch Stolpersteine? Oder gab es hier keine Mitbürger, die dem Naziterror zum Opfer gefallen sind?

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      Waidelich Arnd

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      Auch Jöhlingen hatte eine stattliche jüdische Gemeinde. Sofern deren Mitglieder nicht rechtzeitig in die USA fliehen konnten, kamen auch sie in den Konzentrationslagern ums Leben. Am 5. November 2008 legte Gunter Demnig zu ihrem Andenken Stolpersteine in der Jöhlinger Straße 90, 83 und 65 und am Anfang der Bahnhofstraße. Dort kann man sich heute noch vor ihnen verbeugen. Auf NadR ist der Artikel, den ich damals dazu geschrieben habe, unter diesem link online: https://nadr.de/nicht-verdraengen/

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