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Seilers Glück

Joachim Dittus hält eine alte Wössinger Handwerkstradition aufrecht

Es ist eines der ältesten Handwerke, die Seilerei. Ohne Seile wären in der Vergangenheit viele Entwicklungsschritte der Menschheit nicht möglich gewesen. Dem ist immer noch so, ohne dass dies in öffentlichen Bewusstsein wahrgenommen wird.

Schiffsbau, Fahrstuhlbau, Medizin, Luft- oder Raumfahrt wären ohne Seile schlecht möglich. Eine wesentliche Veränderung hat sich allerdings in der Art der Herstellung der Seile ergeben. Sie ist weitgehend industrialisiert.

Die Zahl der handwerklichen Seilereien hat im gleichen Ausmaß proportional abgenommen. Von ehedem 450 Betrieben, die die Innung nach dem Zweiten Weltkrieg noch zählte, sind bis heute nur mehr zehn übrig geblieben. Seiler ist aber immer noch ein Lehrberuf, wenn es auch im ganzen Bundesgebiet nur eine Bundesfachklasse gibt. Die Zahl der Seilereien scheint sich mittlerweile zu stabilisieren.

Eine der zehn baden-württembergischen Seilereien steht im Wössinger Seilerweg. Der Name der Straße kommt nicht von ungefähr. Seit dem Jahr 1844 nämlich betreibt dort die Familie Dittus ihr Gewerbe. Die Brüder Joachim und Klaus Dittus haben dieses Handwerk von ihrem Vater Paul übernommen und üben es mittlerweile in zwei verschiedenen, miteinander kooperierenden Betrieben aus.

Joachim Dittus hat sich auf mechanische Seile spezialisiert. Von der alten Tradition der Herstellung mit dem Rohstoff Hanf hat er sich längst entfernt. Er erhält seinen Rohstoff aus der Ettlinger Spinnerei: Polyesterspinnfaser. Aus ihnen flicht er neongelbe Polyamidseile in unterschiedlichen Dicken von einem bis zehn Millimeter Stärke.

Längst tut er das nicht mehr mit der ursprünglichen Leiterbahn, die dem Beruf das Gepräge und einen unvergleichlichen Sinnspruch gab: „Es kommt nur vorwärts, wer fleißig rückwärts geht!“ An jener Leiterbahn nämlich flochten die ersten Seiler rückwärts gehend ihre Reepe, wie sie übrigens in Norddeutschland genannt wurden und die der Reeperbahn zu ihrem Namen verhalfen. Flechtmaschinen haben längst die Leiterbahn ersetzt, die im Prinzip aber die gleichen Aufgaben mechanisch übernommen haben: Mehrere Fasern aus was für Materialien auch immer (bis hin zu Stahl) zu Fäden verdrillen und die dann in einem zweiten Arbeitsgang eben zu Seilen.

Schon Vater Paul hatte sich längst von der traditionellen Leiterbahn entfernt und ließ die Maschinen rattern. Spulmaschinen, an denen nur mit Hörschutz gearbeitet werden konnte. Auf den Ohren die „Mickey Maus“, wie Joachim Dittus sie ironisch nennt, daran hat sich immer noch nichts geändert.

Geändert hat sich allerdings, dass der Seiler sich ein zweites Standbein geschaffen hat. Die Demonstration der historischen Ausgabe des Berufs ist attraktiv geworden bei den Mittelaltermärkten. Am Brettener Peter-und-Paul-Fest nimmt Joachim Dittus ebenso in historischem Gewand und mit seiner transportablen Leiterbahn teil wie am Maulbronner Klosterfest oder der Kirchweih rund um das Durlacher Pfinzgaumuseum unter dem Motto: „Bei mir darf sich jeder seinen Strick selber drehen“.

So hat er für sich die Zukunft gesichert, doch die Nachfolge ist wie bei vielen anderen Selbständigen nicht geregelt. Keines seiner drei Kinder will in Joachim Dittus` Fußstapfen treten. Nur Sohn Jörg hat noch im weitesten Sinn mit der Profession zu tun. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitet er am Karlsruher KIT an der Entwicklung faserverstärkter 3D-Drucke. Bei Bruder Klaus indessen ist Tochter Susanne Tretter als Geschäftsführer eingetreten. Mit ihr ist garantiert, dass das Handwerk des Seilers weiter in Wössingen präsent sein wird.


Über die Seilerei Dittus hatte ich vor 35 Jahren für die damalige Dorfzeitung in der Ausgabe vom Februar 1984 eine Reportage geschrieben. Zum Vergleich möchte ich Sie hier als JPGs anfügen.

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