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„Nicht verdrängen“

Stolpersteine in Jöhlingen verlegt

Eine ungewöhnliche Ansammlung von Schülern und einiger Erwachseiner sorgte gestern am frühen Mittag in Jöhlingen für einige Verkehrsbehinderungen. Zwischen der Jöhlinger Straße 90, 83 und 65 pendelte die stattliche Gruppe hin und her.

Ihre Mitglieder folgten dem Kölner Künstler Gunter Demnig. Der verlegte seine Stolpersteine vor den Häusern, aus denen unter dem Nationalsozialismus jüdische Bürger vertrieben wurden und in Konzentrationslager umkamen. Danach zog eine lange Karawane zur Bahnhofstraße, wo Demnig drei weitere Steine verlegte.

Die kupfern glänzenden Steine enthalten lediglich die Namen der ehemaligen Bewohner, die Geburts- und Todesdaten sowie die Todesursache. Wie viel Leid sich hinter jedem dieser Stein verbirgt, wurde jeweils durch eine kurze Lesung deutlich. Schüler zweier Leistungskurse Geschichte des Brettener Melanchthongymnasiums hatten die Lebensgeschichte der Opfer recherchiert und trugen sie jetzt in Kurzform vor.

Mit philosophischem Tiefgang begründete Maroje Culinovic zum Auftakt der Aktion in der Aula des Melanchthongymnasiums die Notwendigkeit der Stolpersteine. Er verlangte ein  Wissen „um die eigene, dunkle Vergangenheit“. Dieser Verantwortung müsse man sich stellen. Wichtig für das Projekt sei das Schicksal jedes einzelnen Opfers. Man wolle kein Gefühl der Schuld vermitteln. Es sei vielmehr ein Angebot, dem Schicksal eines einzelnen Menschen für einen Augenblick seine Aufmerksamkeit zu schenken.

Der Nationalsozialismus sei ein düsteres Kapitel unserer Geschichte gewesen. Es sei natürlich, „dass wir das verdrängen wollen“, meinte Bürgermeister Karl-Heinz Burgey.“ Dem Impuls dürfe man aber nicht folgen. Die Erinnerung daran müsse wach gehalten werden. Die Aktion Stolpersteine sei dazu ein Beitrag.

Durch die Steine werde man daran erinnert, „dass sich Geschichte nicht irgendwo ereignet hat, sondern hier bei uns vor der Tür“. Es seien nicht nur auswärtige Rollkommandos gewesen. „Unsere Bürger haben mitgeholfen Synagogen zu demolieren und Bürger zu drangsalieren“, erinnerte Burgey.

Der Künstler Gunter Demnig verwies darauf, dass er mittlerweile 17000 Stolpersteine in 370 Gemeinden verlegt habe.

Es sei für ihn beeindruckend gewesen, als zwei Mitglieder des Leistungskurses Geschichte im Religionsunterricht für Patenschaften für die Stolpersteine warben, schilderte der Jöhlinger Pfarrer Friedhelm Sauer die erste Begegnung mit dem Projekt. Er sei stolz auf seine 5. und 6. Klassen und seine Konfirmanden, die sich daraufhin an dem Projekt beteiligten. Hörbar rang er um Fassung beim Verlesen des Stuttgarter Bekenntnisses der evangelischen Landeskirche, bei dem diese ihre Schuld an den Ereignissen unter dem Nationalsozialismus einräumte.

Beeindruckt von der Aktion zeigte sich auch Gerhard Wolf, dessen Vater als Nachbar der Synagoge deren Abfackeln durch Jöhlinger verhinderte. Die Stolpersteine würden zum Ausdruck bringen, was heute notwendig sei: „Wir dürfen das nicht vergessen. Wir müssen uns erinnern“.

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