Jahrhundertentscheidung?!

Walzbachtaler Gemeinderat erteilt Zementwerk eine schroffe Absage

Es war eine von vielen mit Spannung erwartete Gemeinderatssitzung: Die Entscheidung über die Zukunft des Zementwerks sollte fallen. Mit wie vielen Emotionen diese Entscheidung verfolgt wurde, machte sich nicht nur in der NadR-Kommentarspalte bemerkbar. Ganz deutlich wurde es vor den Türen der Böhnlichhalle. Wann hat es das schon mal gegeben, dass mit Plakaten und Diskussionen am Eingang auf die Gemeinderäte Einfluss genommen wurde?

Darauf allein ist es sicher nicht zurückzuführen, dass der Gemeinderat den Zementwerksantrag mit großer Mehrheit ablehnte. Die beantragten Probebohrungen, mit denen das Werk im Sulzweg und im Grundreisig nach geeignetem Gelände für den weiteren Kalksteinabbau suchen will, wurden mit 12 gegen 5 Stimmen abgeschmettert. Das Zementwerk selbst hofft dennoch weiter. Der FDP-Abgeordnete Chrstian Jung mischt sich ebenfalls nochmals ein. Das ist Presseerklärungen zu entnehmen, die ich in einem separaten Artikel ebenso dokumentiere wie die STellungnahmen der Gemeinderatsfraktionen.

Lediglich die zweiköpfige FDP-Fraktion stimmte einhellig dafür. Dagegen votierten SPD und Grüne „einmütig“ so betonten beide wohl deshalb, weil es bei der CDU-Fraktion kein einhelliges Abstimmungsbild gab. Die Gemeinderäte waren sich durchaus bewusst, dass sie vor einer historischen Entscheidung standen, die zumindest für das Bild des Ortsteils Wössingen weitreichende Folgen gehabt hätte. Andrea Zipf unterstrich diese Bedeutung mit dem mehrheitlich gebilligten Antrag, die Abstimmung möge namentlich erfolgen. Ein in der Geschichte des Walzbachtaler Gemeinderats noch nie gewähltes Verfahren.

Opterra-Umweltleiter Jörg Heimburg diskutierte am Eingang der Böhnlichhalle mit den Protestierenden.

Mit der ersten Wortmeldung hatte der ansonsten eher zurückhaltend agierende Bürgermeister deutlich gemacht, dass der Antrag mit Gegenwind zu rechnen haben werde. Nach langer Abwägung könne er sich den Abbau im Wald nicht vorstellen. Er werde gegen die Erkundungsbohrungen votieren, kündigte Timur Özcan seine Ablehnung an.

Schon vor der Sitzung hatte es vor der Böhnlichhalle deutlichen Protest gegen das Vorhaben gegeben. Eine stattliche Gruppe von Gegnern ließ die ankommenden Gemeinderäte vor dem Eingang Spalier laufen entlang großformatiger Plakate. „No more empty Promises“ „Wälder statt Gelder“, „Run forest run“ oder „Wald statt Asphalt“ war da zu lesen. Zusammen mit fünfzig Besuchern brachten sie denn auch die Böhnlichhalle unter den Abstandsregelungen der Pandemie an ihre Grenzen. Unmutsbezeugungen aus ihren Reihen erhielt FDP-Sprecher Werner Schön für seine den Antrag unterstützende Haltung. Mit Jubelrufe wurde die ablehnende Haltung von Bürgermeister, der SPD-Fraktionsvorsitzenden Silke Meyer, der Grünen Fraktionsvorsitzenden Andrea Zipf und von Jutta Belstler (CDU) belohnt.

Die CDU-Fraktionsvorsitzende eröffnete die Diskussion mit einem eindeutigen Nein gegen die beantragten Probebohrungen. Diese Entscheidung bewertete sie als eine der bedeutsamsten ihrer 27-jährigen Gemeinderatstätigkeit. „Sie hat vielfältige Auswirkungen auf das Lebensumfeld unserer Kinder und Enkelkinder“, meinte sie und wies auf den mondlandschaftartigen Charakter des aktuellen Abbaugebiets hin. Sie wolle nicht zulassen, dass das Werk  weitere intakte Natur in Angriff nehme. Wer sich über die Rodung des brasilianischen Regenwaldes empöre, der dürfe nicht ja sagen zu Rodungen großer Teile alter, wertvoller Baumbestände. Geradezu grotesk wirke es auf sie, wenn die Gemeinde ein Aufforstungsprogramm umsetze und der Gemeinderat sich im Gegenzug für die Rodung weitaus größerer Waldflächen aussprechen würde. Alles darf einmal ein Ende haben.

Drei Köpfe votierten in der CDU-Fraktion anders als ihre Vorsitzende und dhätten wohl auch die Mehrzeit gebildet, hätte Ex-Zementwerker Tino Villano sich nicht als befangen erklärt und in den Zuhörerreihen Platz genommen. Für die drei Köpfe formulierte Martin Sulzer die grundsätzliche Zustimmung zu den Bohrungen. Die Gemeinde bleibe Herr des Verfahrens. Alle weiteren Schritte müssten  mit ihr abgesprochen werden. Der Antrag gebe gleichzeitig die Möglichkeit die Renaturierung etwas zu beschleunigen.

Wie Jutta Belstler und später auch Silke Meyer für die SPD wies Andrea Zipf für die Grünen darauf hin, dass das Zementwerk ein Viertel des Trinkwassers der gesamten Gemeinde in Anspruch nehme. Jetzt solle ausgerechnet der Trinkwasser speichernde Wald angegangen werden, in dem das flächenhafte Naturdenkmal Hungerquelle mit dem Landschaftsschutzgebiet Waldwiesen liege.

Bei einem relativ niedrigen Marktanteil von Opterra an der bundesrepublikanischen Zementproduktion könne auch ohne den Wössinger Zement weiter gebaut werden. Im Gegensatz zu den Vorfahren, die vor 70 Jahren die Genehmigung zum Abbau erteilt haben, könne man jetzt die Auswirkungen auf die Umwelt abschätzen. Selbst für das Argument Gewerbesteuer dürfe man den Wald nicht verkaufen.

Die 70-jährige Geschichte des Werks, Arbeitsplätze, Gewerbesteuer und Investitionen in den Umweltschutz waren für die SPD-Fraktionssprecherin Silke Meyer nicht ausreichend für ein Votum für die Probebohrungen. Zu groß sei der drohende Eingriff in die Natur, die weiterhin nicht unerheblichen Emissionen aus den Schornsteinen, zu schmerzlich der Verlust des Waldes als CO2-Speicher und Naherholungsgebiet.

Obwohl Dutzende von Jahren ins Land gegangen seien und vom Werk immer wieder auf die Renaturierung verwiesen werde, sei die gesamte Fläche seit den 50er Jahren für die Bevölkerung gesperrt und könne nicht für Spaziergänge genutzt werden. Bei der Ortsbesichtigung habe die fehlende Renaturierung erschreckt.

Werner Schön (FDP) wies hingegen auf die 70 Jahre dauernde gute partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Zementwerk hin. Das Werk gebe mit seinem Emissionsbericht immer wieder umfangreich Auskunft und wende neueste Techniken an. Der Wald sei ein nachwachsender Rohstoff, Kalkstein hingegen nicht.

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Kommentare (4)

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    bauigel

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    „Lieber Heiliger St. Florian…“ anders kann man das wohl nicht zusammenfassen. „Bei einem relativ niedrigen Marktanteil von Opterra an der bundesrepublikanischen Zementproduktion könne auch ohne den Wössinger Zement weiter gebaut werden.“ Und dort ist es nicht vor unserer Haustür, also ist es uns sch…egal, oder wie?
    Abgesehen davon, dass Opterra mit seinen zwei Zementwerken bei weitem nicht der einzige ist, der einen „relativ niedrigen Marktanteil hat“ – 8 der anderen Zementhersteller haben sogar nur ein Werk und damit einen noch geringeren Marktanteil. Wenn die alle das gleiche Argument ziehen würden, wären ein paar Baumaßnahmen hier in weite Ferne gerückt…
    Liebe Freunde der Windkraft,
    mit dem was in Wössingen produziert wird, kann man für rund 10 bis 15 Windräder jährlich Fundamente betonieren.
    Liebe Freunde des Umgehungsstraßenbaus, mit dem was in Wössingen produziert wird, kann man jährlich rund 15 bis 20 Attentalbrücken bauen. Klar ist das nicht viel, also kommt es dort, wo der Zement für den Rest herkommt, auf ein bisschen mehr Sauerei auch nicht mehr an, und wenn ja warum? Oder habe ich euch jetzt einfach nur falsch verstanden und halte euch vollkommen zu unrecht für ein bisschen inkonsequent und Sankt-Florians-haft?

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    Randfichte

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    Als Antwort auf: Jahrhundertentscheidung?!
    Prima. Ganz tolle Haltung, liebe wacker gegen einheimische Industrie gewandte Gemeinderäte. Wo soll er denn herkommen, der Zement für die Umgehungsstraße, die S-Bahn-Verzweigleisung und die wunderbaren Windkraftanlagenfundamente? Aus einem fernöstlichen Zementwerk, ganz sicher auf bestem Emissionsniveau, mit schwerölverbrennenden Schiffen um den halben Planeten gefahren? Wie war das noch mit lokaler Erzeugung, weil da die Herstellbedingungen bekannt, die Transportwege kurz sind? Ach so, gilt nur für Ökogemüse? Ja, dann… Wollen wir mal überlegen, wovon wir das dann noch bezahlen…

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    Stefan

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    Vielen Dank liebe Gemeinderäte für die klare Positionierung!

    Das Zementwerk verbrennt massiv Müll, argumentiert dass es die Grenzwerte einer Müllverbrennungsanlage nicht einhalten kann aber bereits alles erdenkliche tut um best möglich sauber zu arbeiten.

    Und nun nach der Ablehnung stehen plötzlich Maßnahmen für mehr als 100 Mio EUR zur Verbesserung der Umweltbilanz kurz vor der Umsetzung?!
    Aber nur wenn das Werk auch in 25 Jahren noch Abbauflächen hat?!

    Das ist für mich nicht seriös.

    Liebes Zementwerk,
    bringt doch mal ein verbindliches Konzept vor. Mit Werten für die nächsten 50 – 100 Jahre:
    Verpflichtung zu Grenzwerten
    Verpflichtung zur Anzahl Arbeitsplätze
    Verpflichtung zur Höhe von Pacht und Steuer.
    Verpflichtung zur Fertigstellung der Renaturierung.

    Im Moment ist die Ablehnung völlig richtig.
    Gesundheit und Umwelt ist unwiederbringlich.

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    Kopfschütler

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    Als Antwort auf: Jahrhundertentscheidung?!
    Wenn ich die ganzen Trolle hier lese denke ich wir haben gar keine Regierung verdient die versucht das Land voran zu bringen. Wenn die Menschen schon vor 100 Jahren schon so drauf gewesen wären hätten wir heute keine Autobahn. Das ist alles nur ideologisch gedacht.
    Eine Aussage einer Gemeinderätin führt ohne Sachkenntnis über die Unterschiede der Wälder in Weingarten zum Wössinger Wald zu einem Pauschalurteil. Zum Glück arbeiten Gemeinderäte aller Fraktionen da gründlicher und an der Sache orientiert. Das Leben ist nämlich nicht schwarz/weiß, es ist viel Komplizierter. Das fällt aber Menschen mit Angst vor Verlust ihrer Wohlstandes sehr schwer das zu verstehen.

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