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Hermann Wagner – ein Wössinger Urgestein

„Mir wird es bestimmt nicht langweilig!“
Ende dieser Woche schließt Spielwaren-Wagner in der Wössinger Rappenstraße seine Pforten für immer. Damit endet eine Ära, ohne die für viele Wössinger ihr Dorf gar nicht vorstellbar war. Doch nicht nur eine geschäftliche Wössinger Institution geht von Deck. Mit Seniorchef Hermann Wagner verlässt ein Wössinger Urgestein die Brücke des Einzelhandels. Generationen von Wössingern haben zunächst in der Kelterstraße, später in der Rappenstraße sich mit Lebensmitteln, Getränken und später Spielwaren versorgt. Immer unorthodox und flexibel. Unvergessen und für heutige Zeiten unvorstellbar, dass sich Kinder, die übermütig ihr Feuerwerk frühzeitig verpulvert hatten, in der Silvesternacht kurz vor Mitternacht frisch munitionieren konnten. Es ist kein Zufall, dass das Geschäft sich zuletzt immer mehr auf den Getränkehandel konzentrierte. Dort hat es seine Wurzeln. Gegründet im Jahr 1948 vom wagemutigen Onkel Richard Wagner hat Hermann Wagner die Zeit noch miterlebt, als dieser Onkel im Hinterhof in der Kelterstraße (die Wössinger sagen dazu „Kelterwies“) selbst Sprudel machte im mit einer eigenen Abfüllanlage. „Ich habe als junger Bub halt meinem Onkel geholfen. Da bin ich irgendwie reingerutscht“, erinnert sich Hermann Wagner. Später legte er dazu die Grundlagen mit einer Lehre als Kaufmann. Finanziell war er weniger gut auf die Geschäftsübernahme im Jahr 1964 vorbereitet. „Mit 46,20 Mark habe ich angefangen“, schmunzelt er heute noch über den finanzschwachen Start: „Selbstverständlich habe ich sofort ein Darlehen aufnehmen müssen.“ Am Anfang als Edeka, „aber dann haben wir uns auf Schreibwaren und Spielwaren spezialisiert, als mit dem Primo im Lebensmittelsegment ein großer Konkurrent kam.“ Bis dahin ging man in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ganz selbstverständlich zum „Kandä-Hoina“ in die „Kelterwies“ zum Einkaufen. Dieser Wössinger Slang hat seine historischen Wurzeln. „Mein Ururgroßvater Heinrich Wagner, der hatte früher die Gaststätte zur `Kanne`“, klärt Hermann Wagner auf. Dort wo heute auf dem Pausenhof der Grundschule die Kinder spielen, da stand die „Kanne“. Deren Scheune ist als Pausenhalle deren letztes Relikt. Im Wössinger-Deutsch ist die „Kanne“ ganz einfach die „Kandä“. Weil es damals so viele Wagner in Wössingen gab, wurde aus dem damaligen Heinrich Wagner der „Kandä-Hoina“, um ihn zu unterscheiden von dem „Rösles Hoina“ oder dem „Wegles Hoina“. Der Name blieb über Generationen, ja fast Jahrhunderte hinweg im „Familienbesitz“. „Das ist für mich kein Schimpfwort“, zeigt sich Hermann Wagner stolz auf diese sprachliche Tradition. Dreißig Jahre bis 1994 blieb er dem Standort in der „Kelterwies“ treu. 1971 wagte er die Erweiterung mit der Eröffnung einer Filiale in Königsbach und 1994, da florierte es noch bei Wagner, den Umzug und die Vergrößerung in die Rappenstraße. Sechzehn Stunden jeden Tag habe er damals hingeklotzt. Dazu kam sein starkes Engagement beim Roten Kreuz nicht nur als Ortsvereins-, sondern auch als Unterkreisvorsitzender. Das blieb nicht ohne gesundheitliche Folgen. Mit 29 hatte er schon den ersten Herzinfarkt. Nicht nur dass zwei weitere folgten, kamen zwei Hirnschläge hinzu. Wo andere längst die Flinte ins Korn geworfen hätten, da gibt ein Hermann Wagner noch lange nicht auf. „Du darfst dich von so was nicht unterkriegen lassen“, zeigt er auch nach einer schweren Herzoperation immer noch täglich Flagge. Seinen Humor hat er nie verloren. Fast niemand kam in den nahezu 40 Jahren aus seinem Laden, ohne dass er irgendeine flapsige Bemerkung gehört hätte oder mit einem Witz bedacht worden wäre. Eines der letzten Wössinger Originale ist immer noch legendär in dieser Beziehung. Jetzt ist er offiziell im Ruhestand. Oder besser „Unruhestand“. Denn wenn man mit ihm redet, dann muss man auf viele Unterbrechungen gefasst sein. Mal will der was von ihm, mal jene. Dann klingelt das Telefon und noch einmal das Telefon – Hermann Wagner ist immer noch ein viel gefragter Mann. Wie will er denn ohne die Umtriebigkeit auskommen? „Ach, mir wird es bestimmt nicht langweilig, sagt er. Ich muss sicher immer wieder bei meinem Sohn in Jöhlingen aushelfen“, sagt er und deutlich ist dann doch ein bisschen Wehmut herauszuhören. „Ich habe das aufgebaut, aber der Markt hat sich anders entwickelt. Örtliche Geschäfte können nicht mehr überleben. Aldi, Lidl und Co mischen alles auf“, zieht er ein bittere Quintessenz.

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