Glocken-Geburtstag

Den hundertsten Geburtstag feiern nur wenige. Ganz anders ist es mit Kirchenglocken. „Christus“, „Luther“ und „Melanchthon“ – so heißen die drei Glocken der Wössinger Weinbrennerkirche – zählen mit ihren hundert Jahren, die sie am Samstag, dem 30. Januar 2021 feiern, eher zu den Glocken-Jungspunden. Dass sie zu ihrem Geburtstag überhaupt erklingen, war bis vor wenigen Monaten gar nicht mal sicher. „Christus“ schwächelte.

Der Glockensachverständige der evangelischen Landeskirche Martin Kares hatte 2018 bei einer Besichtigung entdeckt, dass das auf dem Glockenstuhl aufsitzende „Zahnkranzwälzlager“ wie es exakt heißt durch Materialabnutzung am Ende sei. Das metallene Stahljoch war ausgeschlagen. Im schlimmsten Fall drohte das 1,7-Tonnen-Ungetüm bei weiterem Betrieb abzustürzen mit unabsehbaren Folgen für den Kirchturm. Die Reparatur zog sich über Jahre hin, war aber rechtzeitig vor dem Jubiläum beendet.

An diesem Tag wird man sich gut der Weihe der Glocken am 30. Januar 1921 erinnern können. Sie ist nämlich bestens dokumentiert durch einen am 31. Januar 1921 im Brettener Tagblatt veröffentlichten Artikel, den der Wössinger Heimatforscher und ehemalige Vorsitzende des Walzbachtaler Kultur- und Heimatvereins Wolfgang Eberle entdeckt hat. Fast kann man darin eine Parallele zu den vor kurzem beseitigten „Christus“-Problemen entdecken. „Nicht ohne Aufregung„ nämlich verlief damals die Vorbereitung zum Festtag, heißt es im Tagblatt. Der Monteur, der die Glocken hängen sollte, blieb mit seinem Montagegerät aus. Die Wössinger zeigten sich der Aufgabe allerdings selbst gewachsen. Dank der  Geschicklichkeit einiger Wössinger Handwerker wurden die  Glocken „ohne jeden Zwischenfall in kurzer Zeit auf den Turm gezogen, aufmontiert und läutefertig“ gemacht.

Die Finanzierung fiel in der Nachkriegszeit nicht leicht. Zwar hatte die Kirchengemeinde das nötige Geld schon 1919 angespart. Das Angesparte wurde aber von der Inflation pulverisiert. In einem neuen Anlauf wurde das Geläut dann endgültig beim Bochumer Verein für Bergbau und Gussstahlfabrikation bestellt. Zur Finanzierung trugen neben den Gemeindemitgliedern besonders die Wössinger Amerika-Auswanderer Andreas Wagner mit 5000 Reichsmark, Karl Gauß und Heinrich Langjahr mit jeweils 1000 Reichsmark bei.

Die Glocken sind Nachfolger von drei bronzenen Vorgängern, die der Waffenproduktion während des ersten Weltkriegs zum Opfer gefallen waren. Wolfgang Eberle konnte Kirchenglocken schon vor dem pfälzischen Erbfolgekrieg nachweisen. Doch erst 1789 konnten beide damals voneinander unabhängigen Kirchen der damals selbständigen Ober- und Unterwössingen ihr Geläut mit einer dritten Glocke vervollständigen. Die letzte, von Glockengießer Speck in Heidelberg gegossen, sei so gut gewesen, dass sie in die neue gemeinsame Kirche 1822 übernommen wurde.

Mit ihnen überlebte bis in die 1960er Jahre eine alte Tradition. Die Glocken wurden vorwiegend von Konfirmanden an langen Seilen hängend mit der eigenen Schwerkraft bedient. Erst bei der Renovierung im Jahr 1963 wurde die Muskelkraft durch Elektrizität ersetzt. Damit sei diese so beschauliche bis lustige Aufgabe auf das einfache Umlegen eines Schalters reduziert worden, erinnert sich Wolfgang Eberle. Damit sei diese so beschauliche bis lustige Aufgabe auf das einfache Umlegen eines Schalters reduziert worden, erinnert sich Wolfgang Eberle.

Richtig 100. Geburtstag feiern kann und will die Kirchengemeinde in Corona-Zeiten am 30. Januar nicht. Doch er soll – so hat sich Pfarrerin Martina Tomaides vorgenommen – natürlich nicht unter den Tisch fallen. Deshalb lädt sie am Abend des 30. Januar zu einem Youtube-Gottesdienst auf dem Youtube-Kanal „eki woessingen“ ein. Wenn möglich soll die Feier in der wärmeren Jahreszeit mit einem Freiluftgottesdienst nachgeholt werden.

Und hier der 100 Jahre alte Original-Text zur Glockenweihe 1921

Brettener Tagblatt        Wössingen, 31. Januar 1921  Abschrift

Einen ausserordentlichen Fest- und Freudentag durfte unsere Gemeinde gestern begehen mit der Weihe unserer neuen Glocken über deren feierlichen Begrüßung kürzlich berichtet wurde.

Nicht ohne Aufregung verlief die Vorbereitung zum Festtag. Der Monteur des Geschäfts das die Glocken lieferte, blieb mit seinem Montagegerät aus und lies uns vergeblich warten. Kurz entschlossen erklärten die hiesigen Handwerker: machen wir selbst ohne Monteur. Und Dank ihrer Geschicklichkeit und Umsicht waren die Glocken mit Hilfe der aus einem größeren Geschäft in Grötzingen herbeigeholten Maschinen ohne jeden Zwischenfall in kurzer Zeit auf den Turm gezogen, aufmontiert und läutefertig und wir konnten gestern die Glocken weihen.

Um halb zehn bliesen von der Turmaltane die Posaunen ihre feierlichen Klänge und gaben den Gemeindemitgliedern das Zeichen zum Kirchgang. Mächtig erschollen unter Posaunenbegleitung die Lob und Danklieder. Die Festpredigt des Ortsgeistlichen hatte die Inschriften der 3 Glocken zur Grundlage. “ Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in großen Nöten, die uns getroffen haben “ (Psalm 46,2: Lutherglocke) “ Ist Gott für uns wer mag wieder uns sein “ ( Röm. 8,32: Melanchtonglocke ) “ Jesus Christus gestern und heute und auch derselbe auch in Ewigkeit! ( Hebr. 13,8 Christusglocke )

An die Predigt schloss sich das Weihegebet und die Weihe der Glocken an. Unvergesslich wird wohl der Eindruck sein, als auf den Weihespruch des Geistlichen: Und nun klinget ihr Glocken zur Gottespreis, lobsinge, Gemeinde mit fröhlichem Schall! Die Glocken zum ersten Mal ihren wunderbaren harmonischen Klang erschallen ließen und die Gemeinde dazu das “ Rühmet ihr Menschen den hohen Namen…“ sang.

Am Nachmittag füllte sich die Kirche nochmals bis auf das letzte Plätzchen zur musikalischen Nachfeier der Glockenweihe zu  der ein überaus reichhaltiges Programm aufgestellt war. Es war ein schönes wetteiferndes Zusammenwirken des Gesangvereins “Sängerbund“, des Arbeitergesangvereins „“ Freiheit “ des gemischten  Chors der Gemeinschaft “AB“, des Posaunenchors und Schülerchor.

Wochenlang bemühten sich Bläser, Sänger und Dirigenten, zum Festtag  ihr bestes zu bieten und haben auch wirklich gutes geleistet. Zwischen den Musik und Gesangskünsten trugen Schulkinder auf die Bedeutung  des Festes bezügliche Gedichte vor, unter denen natürlich Schillers unvergleichliches schönes und sinniges „“ Lied von der Glocke „“ nicht fehlen durfte. Einen Glanzpunkt des Programms bildeten die zwei Bariton Solo des Herrn Zipperer aus Worms ( ein Neffe des Ortsgeistlichen ) mit künstlerisch ausgebildeten Stimme vortrug. Schon im Festgottesdienst hatte der Sänger mit dem Schubert`schen “ Friede sei mit euch “ die Zuhörer erbaut. So verlief unser Fest, über dem den ganzen Tag über prächtiger Sonnenschein lag, in würdiger schöner Weise und wird gewiss der Gemeinde  und den vielen auswärtigen Festgästen noch lange in angenehmer Erinnerung bleiben.

Allen aber die zum schönen Gelingen desselben beigetragen haben, insbesondere den 3 Dirigenten Hernn Hauptlehrer Kaucher, Herrn Schneis  und Herrn W. Deuscher sei für ihre Mühe und ihre vortreffliche Leistungen, die sie mit ihren Sängern und Bläsern boten.

Danken wollen wir auch unseren wackeren Handwerkern, deren entschlossene Zugreifen uns diese Feier schon für diesen Sonntag ermöglichten.

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