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Getrenntes Gondelsheim

Wirtschaft leidet unter geschlossenem Bahnübergang

„Drüben“ und „rüber machen“ – zwei Begriffe, die einst das Verhältnis zwischen BRD und DDR prägten. Wiederauferstehung feiern diese beiden Begriffe zurzeit in Gondelsheim. Wenn auch nicht durch ein Volk, so geht ein Riss durch die kleine Gemeinde. Doch keine Mauer trennt die West-Gondelsheimer von den Ost-Gondelsheimern auf dem Schlossbuckel. Es ist die Bahnlinie, die manchen Gondelsheimer das „drüben“ und „rübermachen“ in ähnlicher Weise benutzen lässt.

Elke Kahl, Leiterin der Gondelsheimer Thollembeek-Filiale, benutzt die Begriffe gern. „Die drüben“, die fehlen halt, sagt sie. Sie selbst wohnt in Neibsheim und löst das Problem elegant, lässt ihr Auto „drüben“ am Bahnhof-Ost stehen und geht zu Fuß zur Arbeitsstelle in der Bruchsaler Straße. „Ansonsten müsste ich mit der Kirche ums Dorf fahren“, lacht sie. Das nehmen nur wenige Kunden auf sich und so bemerkt sie den wegbrechenden Umsatz deutlich. „Uns fehlt der Durchgangsverkehr von Neibsheim und von Gondelsheim Ost“.

Thomas Peter gewinnt dagegen dem Ganzen fast noch einen positiven Aspekt ab. Im Finkenweg wohnend spürt er nicht nur überhaupt keine Beeinträchtigung, sondern sieht die Verkehrsströme im Kern von Gondelsheim deutlich entspannter. Corona sorgt überdies dafür, dass dem Beisitzer des Rallye-Clubs Gondelsheim keine grauen Haare wachsen wegen der Vereinsgarage beim Schlossstadion Im Lockdown finden keine Rennen und kein Training statt. „Das passt schon!“.

Eine Anwohnerin der Leitergasse direkt am Bahnübergang – ihren Namen will sie nicht nennen –  hat zwar keine Familie „drüben“ spürt aber trotzdem die Beeinträchtigungen. „Wir können nicht mehr zu unserem Lieblings-Metzger in Neibsheim,“ sagt sie und plädiert für die Verlängerung der Öffnungszeiten der Bahnschranken, da gegenwärtig wegen Corona der Bahnverkehr stark eingeschränkt sei.

Hedwig Bouc-Zimmermann ist aus familiären Gründen Neibsheim-orientiert. Ihre Tochter wohnt hinter dem „Schlagbaum“ und der Kontakt habe merklich nachgelassen, berichtet sie. Sie greift zu „Ersatzhandlungen“: „Wir schreiben jetzt viel über Whatsapp miteinander oder telefonieren“.

Gewerbevereinsvorsitzende Petra Schalm: „Wir haben das gut gelöst“

Auch viele Gondelsheimer Gewerbetreibende sind stark beeinträchtigt, weiß die Gewerbevereinsvorsitzende Petra Schalm: „Es müssen einige schon sehr viel mehr tun, um Umsatzausfälle zu vermeiden“. Kreativ hat Markus Weischedel reagiert. Er will jenseits des Bahnübergangs einen größeren Hänger platzieren, den er als Lager für die jenseitigen Baustellen nutzen wird. Den großen Umweg wird er trotzdem noch oft fahren müssen. Doch dieses Schicksal trägt er fast schon fatalistisch: „Es ist halt nun mal so. Das geht auch wieder rum.“ Ganz ähnlich hat die Einhorn-Apotheke reagiert und ein zweites Auto in Gondelsheim Ost positioniert. „Wir fahren damit unsere Aufträge im Schlossbuckel und Neibsheim aus“, informiert Apothekerin Ulrike Pelikan.

Den kleinen Grenzverkehr muss auch Katrin Höll bedienen mit den Kunden ihrer KfZ-Werkstatt in den Gölswiesen. Oftmals muss sie Kunden am Bahnübergang abholen, um mit ihnen in den Gondelsheimer Süden zu fahren. Das allerdings ist nur ein kleiner Prozentsatz, denn ihr Hauptkundenstamm kommt aus Bretten.

Katrin Höll sucht pragmatische Lösungen in ihrer KfZ-Werkstatt

Als eines der Hauptopfer gilt der Netto. Geschäftsführerin Nevin Tüysüz bestätigt denn auch starke Umsatzeinbrüche. Die schätzt sie auf rund 25 Prozent. „Das ist schlimm“ sagt sie, weist aber weit von sich, dass die Existenz des Discounters dadurch bedroht sei. Sie müsse das durch weniger Bestellungen bei den Lieferanten ausgleichen. Etliche Neibsheimer Kunden hielten ihrem Laden trotz der Widrigkeiten die Treue. „Die fahren an Kaufland und Lidl in Bretten vorbei, um zu uns zu kommen“, freut sie sich

An die Trennung gewöhnen will sich Bürgermeister Markus Rupp nicht, auch wenn „unsere Fussgänger- und Radfahrerlösung bei offenen Schranken super funktioniert.“ Die intensiven Vorbereitungen, wenngleich in einem sehr kurzen Zeitfenster, zahlten sich aus, selbst wenn am Bahnhof noch etwas nachjustiert werden müsse. Nicht nachvollziehbar sei für ihn, „dass trotzdem illegal gequert wird. Es scheint nicht jedem klar zu sein, dass das lebensgefährlich ist“. Ärgerlich sei, dass trotz des großen Parkplatzes im Altenwingert etliche Berechtigungsinhaber zum Ärger der Anwohner aus Bequemlichkeit wenige Meter zuvor am Strassenrand parken. Das für Mitte Juli vorgesehene West-Ost-Fest mit Cris Cosmo und der Bigband des Landkreises musste wegen Corona verschoben werden. Das werde dann eben zum Wiedervereinigungsfest. „Ost und West“, da ist sich Rupp sicher, „überstehen das. Ost und West sind und bleiben Gondelsheim.“

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Kommentare (1)

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    Steffi

    |

    … Jammern auf hohem Niveau !

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