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Gedenken

Erinnerungen an die Flehinger Juden

Einem Gottesdienst gleich gestaltete der Flehinger Bürgerverein am Jahrestag ihrer Deportation eine Erinnerungsfeier an die Flehinger Juden. Genau am 22. Oktober 1940 waren die letzten neun von Nationalsozialisten abgeholt und ins südfranzösische Gurs transportiert worden. Am Gedenkstein vor der Flehinger Ortsverwaltung erinnerte zunächst Bürgermeisterstellvertreter Michael Blankenhorn, der Bürgermeister Thomas Nowitzki vertrat, an einen „der schwärzesten Tage in der Geschichte Südwestdeutschlands“.

Innerhalb nur weniger Stunden sei nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung Badens, der Pfalz und des Saarlandes in das größte Internierungslager in Frankreich deportiert worden.

Im Wechsel setzten weitere Mitglieder des Bürgervereins die Lesung fort. Gisela Schweizer beschrieb zunächst die Festnahme selbst, bei der die Festgenommenen nur wenige Habseligkeiten zusammenpacken und mitnehmen durften. In Gurs angekommen, so ergänzte Ehemann Bernd Schweizer, habe der Vorhof der Hölle gewartet. Die Unterbringung in den 380 Baracken sei katastrophal gewesen, die Verpflegung nicht minder. Auf den Strom der mehr als 6.000 neu ankommenden Deportierten sei das Lager vollkommen unvorbereitet gewesen. Die tägliche Verpflegung habe in der Regel aus Kaffeeersatz und Rübensuppe bestanden. Die Lagerinsassen litten unter der Kälte, an Ungeziefer und an Krankheiten wie Diphtherie und Ruhr. Obwohl Gurs kein Vernichtungslager wie etwa Auschwitz gewesen sei, starben aufgrund der schlechten Lebensbedingungen tausende Insassen, die meisten von ihnen im harten Winter 1940/41.

Bernd und Gisela Schweizer, der Bürgervereinsvorsitzende Udo Kazenmaier und Jörg Rübenacker legen Rosen mit Namensschildchen nieder auf dem Erinnerungsstein beim Schloss Flehingen.

Der Bürgervereinsvorsitzende Udo Kazenmaier verlas die Namen derjenigen, die dieses Schicksal erlitten. Währenddessen legten andere Mitglieder jeweils eine weiße Rose auf dem Gedenkstein nieder, die mit Namen, Geburtsdatum, Geburtsort, Sterbedatum und Sterbeort gekennzeichnet war. Nur Ida Heidelberger überlebte das Martyrium und starb 1978 im Alter von 98 Jahren in Chicago.

Das Erinnern sei wichtig, meinte Bernd Schweizer abschließend. „Ohne Erinnern kein Versöhnen“ werde auf dem Gedenkstein gemahnt und das sei in der Tat „wichtig um zu verstehen, was die Nachkommen der Deportierten und der aus Flehingen und ganz Deutschland verjagten Menschen jüdischen Glaubens bewegt.“ Denn immer wieder kämen sie nach Flehingen und suchten nach Spuren ihrer Vorfahren. Auch David Schlessinger empfand es im Februar 2020 bei der Verlegung der Stolpersteine für seine in Auschwitz ermordeten Großeltern als beruhigend zu wissen, dass für sie ein sichtbares Gedenken ermöglicht wurde.

Wichtig sei das Erinnern andererseits auch für gegenwärtige Entwicklungen in der Bundesrepublik. Die Augen nämlich offen zu halten und dafür zu sorgen, „dass Unmenschlichkeit in unserem Land keinen Raum finden kann.“ Sie drücke sich erst in Worten aus und werde dann irgendwann, wenn nicht dagegen gesprochen wird, zum Programm und zur Tat. Philipp Lingenfelser bereicherte die Gedenkfeier mit einem schlichten Klavierstück. Abgeschlossen wurde sie mit einem Gebet der Vereinten Nationen.

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