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Fies, fieser, am fiesesten

Bernd Neuschls Interpretation boshafter Weihnachtsgeschichten
Nett geht Bernd Neuschl mit dem Thema Weihnachten nicht um. Dem Titel seines vorweihnachtlichen Auftritts im Brettener Bernhardussaal wird er allemal gerecht. Die Texte, die er für sein „Alle Jahre fieser“ aussuchte, konterkarieren drastisch den alljährlichen Hype rund um das höchste Christenfest. Neuschl machte in diesem Jahr selbst vor Äußerlichkeiten nicht halt. Sechs bedauernswerte Miniausgaben an Plastikweihnachtsbäumchen in schrillen Farben säumten den Matadoren. Eines senkte schlaff-verschämt sein Häuptchen. Sechzehn Zipfelmützen hingen traurig über den Bühnenrand, am Pult fünf weitere. Unzählige leere Geschenktüten, rote Päckchen komplettierten den Reigen der gebrochenen Äußerlichkeiten. Auch wenn er das Format eines veritablen Nikolaus auf die Bühne brächte, nahm er Gottseidank davon Abstand, selbst karikierend mit dem Rauschebart auf die Bühne zu treten. Er begnügte sich mit der Anspielung desselben auf seinem opulenten T-Shirt und einem gutturalen „Hou, Hou, Hou“ zu Beginn. Das harte Licht des Bernhardushauses allerdings hätte nicht unbedingt auch noch diesen Touch unterstreichen müssen. Da sehnte man doch das weiche Licht aus dem Saal des alten Rathauses zurück.

Von dort nämlich musste Neuschl angesichts des Erfolgs seines ersten „Alle Jahre fieser“ in den weitaus größeren Bernhardussaal ausweichen. Und siehe da: Selbst der war mit weit über 250 Besuchern fast bis auf den letzten Platz besetzt. „Neuschl – ein Brettener Phänomen, „einer von uns“ – wie es eine der Besucherinnen seiner letzten Veranstaltung bezeichnete, hat einen raketenhaften Sprung hinter sich. Wer erinnert sich noch an seine ersten Anläufe bei Kerzenschein in der Brettener Stadtbücherei, in der sich ein paar handvoll Besucher verloren. Da fragt man sich: wird der Bernhardussaal das Ende dieser Fahnenstange sein?

Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr und ist schon deshalb umso bemerkenswerter, als Bernd Neuschl nicht mit eigenen Werken auf der Bühne glänzt. Aus seinem literarischen Steinbruch holt er seinen Polt, seinen Hurst oder seinen Malmsheimer. Das zwar könnte so mancher andere auch. Doch er haut aus diesen Brocken das Maximum heraus. Die Kunst der Interpretation ist es, die aus den Brocken Edelsteine macht.

Zum einem solchen wird sogar eine üble Weihnachtsgottesdienstbeschreibung. Doch wo ansonsten mit Empörung auf Gottesdienst- und Oma-Beschimpfung geantwortet würde, da prusten die schwer gescholtenen Omas in den Zuschauerreihen geradezu vor Vergnügen, wischen sich die Tränen aus den Augenwinkeln angesichts der meisterhaft vorgetragenen Bosheiten. Aufpoliert wurde das Ganze mit launigen Zwischenmoderationen. Als Präsident der Brettener Bütt befinde er sich – so ein Beispiel – von Präsident zu Präsident endlich auf Augenhöhe mit Lionsclub-Präsident Gerhard Heinz. Der freute sich natürlich riesig über den Ansturm und versprach Fortsetzung anderswann.

Ganz im Duktus des vergangenen Jahres wurde Neuschl von Alina Schnorr und Doris Eigl unterstützt, beide bei ihren Solis begleitet von Simon Bahlinger am keyboard. Kein Zufall war wohl, dass einen Tag nach dem Attentat in Berlin der Applaus bei Doris Eigls „Möchte auf Erde immer Frieden sein“ besonders lang anhielt. Überhaupt und ganz klar: Das Publikum wollte das Quartett und in erster Linie seinen Protagonisten mit lang anhaltendem Applaus nicht von der Bühne lassen.



Die 1000 Gesichter eines Fiesen

       

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