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Erwachen

Neues Konzept zur Behandlung von Komapatienten

Es ist der Super-GAU: Nach einem schweren Verkehrsunfall, einem Schlaganfall oder einem langen Atemstillstand nach einem Herzinfarkt erlangen die Opfer nicht mehr das Bewusstsein. In diesem lebensbedrohlichen Zustand sind viele Komapatienten erstickungsgefährdet und bedürfen einer Überwachung rund um die Uhr. Ein mitunter jahrelanger Aufenthalt im Krankenhaus und in Intensivpflegeeinheiten folgt.

Dort werde zwar zunächst alles für die Opfer getan, die folgende Pflege und die damit verbundenen immensen Kosten können und wollen die Krankenhäuser aber nicht tragen. Von den Krankenkassen kommt Druck, die stationäre durch die ambulante Pflege zu ersetzen. „Dann muss an 365 Tagen 24 Stunden lang jemand da sein, der die Patienten überwacht und absaugt“, sagt Jürgen Ramin. Der Geschäftsführer der „Beatmungspflege24“ arbeitet in der Jöhlinger Straße in Berghausen seit eineinhalb Jahren mit dem Konzept einer sogenannten „fachbetreuten Intensivpflegeeinheit“. Dort hat er speziell für die neurologische Pflege von Komapatienten eine Einrichtung geschaffen.

Im Haus selbst stehen nur drei Betten zur Verfügung. Schwerpunkt ist vielmehr die ambulante Versorgung von Patienten in ganz Nordbaden bis hinein in den Pforzheimer Raum. In die hat Ramin sehr viele neue medizinische Erkenntnisse einfließen lassen. Ob für einen Komapatienten überhaupt noch eine Chance zum Wiederaufwachen bestehe, sei nur schwer zu beurteilen. In dieser – so seine eigene Einschätzung – weltweit bisher einzigartigen Methode schaue er sich die Patienten ganzheitlich an und versuche, einen Zugang zu finden. Die Glukose-Abnahme des Gehirns sei ein Indikator der signalisieren kann, dass eine Kommunikation mit dem Patienten noch möglich sei.

Logopädin Christine Becker kümmert sich zusammen mit Jürgen Ramin um eine Komapatientin bei der Beatmungspflege in Berghausen.

Als erster Schritt sollte das Koma in ein Wachkoma übergehen. Methode der Wahl sei, die Patienten zu Anfang ungünstig zu positionieren, etwa in einer Schieflage, und dadurch die Aufmerksamkeit zu steigern. Parallel dazu werden in Zusammenarbeit mit einem Arzt und einem Apotheker die Medikamente reduziert. Die folgende Aufmerksamkeitsspanne nutzen die Mitarbeiter – allesamt examinierte Fachpflegekräfte wie Ramin betont – zur therapeutischen Pflege. Hierzu gebe es ein Übungsbuch, das mittlerweile  über 50 Übungen umfasst, die aufeinander aufbauen. Selbst in dieser scheinbar ausweglosen Situation könne man „nicht nicht lernen“, lautet die Erkenntnis, die Ramin aus seiner langjährigen Arbeit in diesem Bereich gewonnen hat. Verschiedene Reaktionen zeigten, dass die Patienten auf die Impulse reagieren. „Deshalb gehen wir mit ihnen so um, als ob sie wach wären“, sagt Ramin. Die Gestaltung der Räume mit Themen wie Wald, Berg oder See soll die Therapie ergänzen.

Das erste Ziel sei zunächst einmal, dass die Komatösen mit Ja oder Nein reagieren könnten. Mit einem leichten Fingerdruck, einem Blinzeln oder was für einer Art auch immer. „Da die Leute ihre Körper nicht verlassen können, gehen wir mit ihnen auf Phantasiereisen“. So nennt Jürgen Ramin die Erzählungen von Herbstspaziergängen, den Flug des Adlers oder die Übungen an der Bildung von Begriffspaaren. „Wir nutzen einfach alles was es gibt“, betont er. Zusätzlich werden die Patienten von Sauerstoffgaben, oder gar einer Beatmung entwöhnt, so dass sie allein wieder atmen können. “Im Zeitraum von 2 Jahren versuchen wir die Betroffenen so zu fördern, dass sie in wieder in eine Reha können. Dies wäre ein schöner Erfolg.“

Wie hoch die Erfolgsaussichten mit dieser neuen Methode sind, kann er noch nicht endgültig abschätzen. Dafür sei der Erfahrungszeitraum noch zu kurz. Über eines ist Jürgen Ramin sich jedoch sicher: „Jeder Komapatient braucht jemanden, der an ihn glaubt!“

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