Der Falsche auf der Anklagebank

Überraschende Wende bei einem Prozess vor dem Brettener Amtsgericht

Mit einem glatten Freispruch endete ein Prozess vor dem Brettener Amtsgericht, bei dem ein Oberderdinger der gefährlichen Körperverletzung und Geiselnahme angeklagt war. Er soll, so lautete der Tatvorwurf von Staatsanwältin Merve Ünsal, im späten September 2020 seine damalige Freundin an einen Stuhl gefesselt und mit Hammerschlägen am Kopf und an den Händen traktiert haben.

Die Anklage stand auf wackligen Beinen, allein auf der Aussage seiner ehemaligen, schwer von Eifersucht geplagten Freundin. Der nach einem Verkehrsunfall zu 70 Prozent Schwerbehinderte wies gleich mit seinen ersten Einlassungen zur Sache die Vorwürfe entschieden zurück. Arbeitslos habe er wie im Gefängnis in dem „Kellerloch“, wie Pflichtverteidigerin Angela Maeß seine schlichte Unterkunft in der Flehinger Hirschstraße nannte, gewohnt. Getrennt lebend habe er ein Treffen mit seiner Frau zu einem nächtlichen Besuch in Oberderdingen genutzt. Das habe seine eifersüchtige Freundin wohl zur Anzeige bei der Polizei bewogen. Obwohl schon lange in Deutschland wohnend war der Angeklagte bei seiner Aussage auf eine Dolmetscherin angewiesen. Das machte seine Einvernahme recht mühsam. An deren Ende räumte Richter Fabian Weisse ein, „dass das länger gegangen ist als ich gedacht habe“.

Das sollte sich mit dem Auftritt der Hauptbelastungszeugin ins Gegenteil verkehren. „Meine Aussage vor der Polizei war falsch“, gestand sie gleich zu Anfang ihrer Vernehmung. Dabei blieb sie selbst als Richter Weisse sie auf ihr Auskunftsverweigerungsrecht aufmerksam machte. Nicht der Angeklagte habe mit dem Hammer auf sie eingeschlagen, sondern ein Nachbar, mit dem sie an jenem Abend zunächst Unmengen an Alkohol konsumiert und schließlich die Nacht verbracht habe.

Der habe ihr die Kopf- und Handverletzungen beigebracht, wegen der sie zum Arzt gegangen war. Der Arzt habe sie zur Polizei geschickt. Der Angeklagte sei die ganze Nacht nicht zu Hause gewesen. Der Nachbar habe sie zur Falschaussage mit der Drohung erpresst, er werde den Beischlaf ihrem Freund gestehen. Beide seien stark alkoholisiert gewesen und hätten mit einem weißen Pulver eine für sie nicht definierbare Droge geschnupft.

„Ich möchte nicht, dass ein Unschuldiger Konsequenzen meiner Falschaussage zu tragen hat“, schilderte sie auf Nachfrage von Verteidigerin Angela Maeß ihre Motivation zur Umkehr, zeigte sich reuig und bat um Entschuldigung. Sie habe Angst vor dem eigentlichen Täter gehabt. Das staunte selbst die erfahrene Sachverständige, die zur Beurteilung der Schuldfähigkeit des Angeklagten hätte zu Rat gezogen werden sollen: „So etwas habe ich jetzt auch noch nicht erlebt!“

Nicht schwer hatte es danach Richter Fabian Weisse mit der Ausformulierung seines Urteils. Der heftige Vorwurf von erheblichen Verletzungen könne zwar aufrechterhalten werden, meinte er und fügte abschließend ein großes Aber hinzu: „Es war so wie es in der Anklageschrift steht. Aber sie waren es nicht. Die falsche Person saß auf der Anklagebank.“

Das wird jetzt schnell korrigiert. Sie werde strafrechtliche Schritte gegen jenen Mann einleiten, so kündigte die Staatsanwältin an, der tatsächlich die Hammerschläge gegen das Opfer ausgeführt habe.

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