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„Das Herz wird nicht dement“

Vorsitzende des Alzheimer-Gesellschaft berichtete über Volkskrankheit

Eine die Menschheit lange Zeit schon begleitende Krankheit nimmt immer größere Ausmaße an, die Demenz. Das hängt allein damit zusammen, dass die Menschen immer älter werden und Demenz in der Regel erst in hohem Alter vermehrt auftritt. Vereinzelte Fälle wurden früher eher lapidar kommentiert mit einem: „Der Opa isch halt ä bissle verkalkt“.

Das hat sich dramatisch verändert. Die groben Zahlen dazu lieferte Sylvia Kern gleich zu Beginn eines Vortrags im Jöhlinger Martinussaal, zu dem Besucher aus vielen umgebenden Gemeinden bis hin nach Karlsruhe gekommen waren: 1,7 Millionen Betroffene gebe es in Deutschland, 120.000 in Baden-Württemberg. „Wie viele es in Walzbachtal sind, dürfen sie gern selbst ausrechnen“, machte die erst jüngst in den Ruhestand gegangene zweite Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft den Anwesenden keinerlei Illusionen, dass es in einem Dorf anders sein sollte, in dem sich ein „Initiativkreis Demenz“ um das Thema kümmert.

Diese Entwicklung ist für Sylvia Kern nicht bloß ein statistisches Problem. Lange habe sie selbst ihre an Alzheimer leidende Mutter begleitet, berichtete sie. Da vorne vor den rund 70 Besuchern des brechend vollen Martinussaals stand also eine Frau, die genau wusste wovon sie spricht und das traurige Thema mit Herzblut an- und dennoch in viel Humor verpackte. Selbst am Ende des rund eineinhalbstündigen Vortrags zog sie die Zuhörer noch so in ihren Bann, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

Der Verstand lässt nach – die Gefühle bleiben bei den Demenz-Kranken, betonte Sylvia Kern.

Das hing andererseits auch damit zusammen, dass sie den Besuchern jederzeit die Möglichkeit einräumte, ihren Vortrag mit Fragen zu unterbrechen. Davon wurde reichlich Gebrauch gemacht. Mal von Angehörigen, die ihre Situation schilderten und um Rat fragten, mal aber auch von Personen, die befürchten, selbst erste Anzeichen der Krankheit zu zeigen.

Mit der Schilderung der ersten Anzeichen konnte sie indes bei etlichen für Beruhigung sorgen. „Nicht immer, wenn Sie etwas vergessen, sind das Anzeichen für eine Demenz“, meinte sie gleich zu Beginn ihres Vortrags. Die ersten Symptome seien aber tatsächlich die zunehmende Vergesslichkeit und Orientierungsstörungen. Das Kurzzeitgedächtnis sei zuerst betroffen. Genau diese Phase sei andererseits diejenige, die den größten Leidensdruck für die Betroffenen bringe, weil die eigenen Defizite noch deutlich wahrgenommen würden. Die zweite und dritte Phase hingegen nehmen Störungen und Veränderungen so sehr zu, dass die meisten Erkrankten das nicht mehr bewusst miterleben würden. Davor gefeit seien auch hochintelligente Personen nicht, meinte Kern und nannte den Philosophen Walter Jens und die Schauspielerin Inge Meysel als prominente Beispiele.

„Das Herz aber wird nicht dement“, sagte sie und wies sie drauf hin, dass die Betroffenen immer über die Gefühlsebene ansprechbar blieben. Als Königsweg in der Beziehung nannte sie die Musik, mit man selbst in der Endphase Befindliche noch berühren könne und gab das als Rezept mit auf den Nachhause-Weg.

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