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Ausflug mit Spätfolgen

Wenn einer Stadtbahn fährt, dann kann er was erleben

Der Abend ist lau. Ein Sternenzelt begleitet uns auf dem Weg zum kulturellen Highlight, den Karlsruher Schlosslichtspielen. Schöner kann schlosslichtspielen nicht sein. Auf dem Rasen vor dem Schloss breiten wir unseren Teppich aus. Imposant was sich da vorne auf der Fassade des auch ohne Lichtspektakel schon beeindruckenden Gebäudes tut.

Doch nach einer Stunde wird die Liebste ein wenig unruhig. In der Vergangenheit hat sie schon ein paar Mal unangenehme Erfahrungen mit der Stadtbahn gemacht, die uns hingebracht hat, aber auch nach Hause bringen soll: „Wir machen uns lieber ein bisschen früher auf den Weg“, drängelt sie besorgt. Widerspruch ist da zwecklos.

Also auf zum Marktplatz und zunächst läuft auch alles rund, die S5 nämlich pünktlich ein. Sie soll uns zum Bahnhof Durlach zum Umsteigen in die S4 bringen, deren neue Route uns schon auf dem Hinweg viel Freude und einen langen Fußweg bereitet hatte. Am Weinweg etwa dürfte es gewesen sein, da dringt eine Stimme aus dem Lautsprecher durch das Stadtbahn-Gewackel. „Liebe Fahrgäste“, fängt die Schaffnerin an und da war mir sofort klar: Irgendwas läuft schrecklich schief. „Wir haben ein Problem auf dem Streckenabschnitt zwischen Durlach und Grötzingen“, informiert uns die Stimme. Die S5 werde zwar in den Durlacher  Bahnhof rollen, dann aber zurück zum Albtalbahnhof, von dort über die Bundesbahngleise nach Pforzheim.

Die Fahrgäste nach Bretten allerdings – da atme ich erleichtert auf – die können in Durlach in ihre S4 umsteigen. Sie fahre an dem Problem vorbei. Tatsächlich kommt die S4. Doch kaum Richtung Grötzingen losgefahren, Kommando zurück. Jetzt sei auch das Wössingen-Gleis blockiert, meint die Stimme, die einen immer entschuldigenderen Klang annimmt. „Die lieben Fahrgäste“ müssten nämlich jetzt auch zurück zum Albtalbahnhof, über den Hauptbahnhof ebenfalls auf das DB-Gleis und zurück am Grötzinger Geschehen vorbei und dann schnell nach Wössingen. „Na wenigstens das“, sag ich mir nach so etwa einer dreiviertel Stunde, noch nicht unseres Schicksals gewiss und dass die Ungemach damit erst richtig losgeht.

Am Hauptbahnhof heißt es zunächst mal zwischenparken, bis alle DB-Gefährte die ihnen zustehenden Vorfahrten erhalten hatten. Dann geht es glücklich los. Und schnell. Die kleinen Haltestellen lässt die Fahrerin – immer wieder mal eine Entschuldigung durchgebend – rechts liegen und düst gen Heimat, wenn auch auf fremden Gleisen. Kurz nach Durlach dann die nächste Katastrophe. Auf dem DB-Gleis kann nicht mehr auf die Stadtbahnstrecke Richtung Bretten ausgewichen werden, heißt die nächste Entschuldigung und die Ansage jetzt so. „Wir fahren nach Bruchsal und von dort aus nach Bretten. Auf die Fahrgäste Richtung Wössingen und Jöhlingen wartet am Brettener Bahnhof ein Taxi“. Keiner kommt mehr raus, um etwa in Durlach schon ein Taxi zu nehmen.

Jetzt wird die S4 zum Sprinter. Weingarten huscht vorbei, auch Untergrombach. Die Tochter meiner Lebensgefährtin findet es immer noch lustig, tummelt sich auf der Drehscheibe, die zwei Stadtbahnsegmente gelenkig macht und entdeckt dort mit ihren kleinen Fingerchen gefährliche Stellen, die uns die Haare zu Berge stehen lassen. Eineinhalb Stunden nach Antritt der Fahrt – so gegen halbzwölf – schwächelt jedoch auch sie, legt sich zum Schlafen auf eine Dreier-Bank. Platz genug ist mittlerweile da. Viele Verzweifelte haben schließlich schon im Durlacher und später im Karlsruher Bahnhof aufgegeben und sind ausgestiegen. Drei Wössinger und eine Jöhlingerin teilen sich die ganze Bahn.

Die werden am Brettener Bahnhof – so mehrfach die Versicherung aus dem Fahrerstand – in ein Taxi steigen können. Doch am Brettener Taxistand herrscht gähnende Leere. Hektisch bemüht sich die Stadtbahnfahrerin bei der Zentrale in Karlsruhe um Auskunft und erhält diese: Die Taxis sind schon seit mehr als einer halben Stunden unterwegs, aber eben noch nicht angekommen. Warten hilft der Misere nicht ab. Da verkündet ein das Bahnhofsgebäude verlassender Kollege, der seinen Feierabend antritt, die frohe Botschaft. Der Grötzinger Streckenabschnitt ist wieder frei. Die Bahnen fahren wieder Richtung Karlsruhe.

Urplötzlich und ohne Vorwarnung steht die Bahn aus Richtung Eppingen plötzlich auf Gleis 2. Nur dumm: Wir auf Gleis 1. Jetzt müssen wir nach rund zweieinhalb Stunden mit schlafendem Kind auf dem Arm selbst zu Sprintern werden und durch die Unterführung hetzen. Die Bahn ist nur deshalb noch nicht abgefahren, weil der freundliche Stadtbahnfahrer die zischend nach Schließen heischenden Türen blockiert. Nach rund zweieinhalb Stunden und weit nach Mitternacht hält die Bahn in Wössingen Ost. Für die Liebste ist die Erkenntnis gereift: künftig geht es wieder mit dem Auto zu den Schlossfestspielen!

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Kommentare (8)

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    Harald Kann

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    Als Antwort auf: Ausflug mit Spätfolgen
    Das war ja eine abenteuerliche Heimfahrt. Ihr tut mir wirklich leid. AVG, VBK, KVV und wie sonst so alle heißen bekommen es einfach nicht auf die Reihe. Vor 20 Jahren war auch ich mal Triebfahrzeugführer bei der AVG. Damals ging es mit dem Schlamassel schon los. Wenn es weit entfernt von Ettlingen eine Störung gegeben hatte, war das Personal in der Leitstelle hilflos. Man kann in einer angemessenen Zeit nicht auf die neue Situation reagieren. Eine Lösung habe ich nicht dafür, ist auch nicht meine Aufgabe diese zu finden. S-Bahn fahre ich nur wenn es nicht anders geht. Am besten man bleibt einfach zu Hause. 😉

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    Stephan

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    Als Antwort auf: Ausflug mit Spätfolgen
    Hallo Arnd,
    jetzt ist es also auch mal Ihnen passiert. Leider ist dies fast schon alltäglich – es wäre eines der Top-Themen für unsere Gemeinde, den Stadtbahnausbau zu forcieren – und das nicht nur passiv zu betrachten. In zwei Jahren fährt der RE zum HBF, damit verlieren wir den 20-Minutentakt in die Stadt (inkl. der Eilzüge ), was die Verbindung für viele sicherlich unattraktiver macht. Dann hätten Sie z.B. nachts nur noch einen 60-Minutentakt direkt aus der Stadt.

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      Dorfmuggel

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      Was für ein RE fährt von wo wohin und was genau soll sich in 2 Jahren dann auf der S4 Strecke ändern?

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        Michael

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        Der RE fährt dann stündlich Karlsruhe Hbf-Heilbronn Hbf in 69min, statt heute der Eilzug in 90min. Das erkauft man sich durch das Auslassen der Karlsruher Innenstadt, sowie der Halte Bretten Schulzentrum, Bauerbach, Flehingen Bf und Leingarten Bf. Wer den RE betreibt ist noch unbekannt. Aktuell werden die Angebote der Ausschreibung bewertet. Fest steht nur, die AVG wird ihn nicht fahren. Vorgesehen ist am Karlsruher Hbf die Abfahrt zur Minute 15, Ankunft 45, damit passend zum Fernverkehr. Dadurch wird die Verbindung zum Hbf 20min schneller. Durch die suboptimalen 69min Fahrzeit hat er dann aber in Bretten, Eppingen und Heilbronn keine passenden Anschlüsse mehr. In die Karlsruher Innenstadt gibt es dann nur noch einen 20/40 Takt (bis ca. 0Uhr) mit 2 morgendlichen Verstärkern, Abends keine. So ist mein letzter Stand, was die NVBW darüber veröffentlicht hat.

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        Stephan

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        Die Eilzüge werden durch eine RE ersetzt im Rahmen der Ausschreibungen S-Bahnnetze Karlsruhe (Netz 7a und 7b). Dabei entfällt in Bretten wohl ein Halt und es gibt die direkte Verbindung zum HBF Karlsruhe. Die Strecke ist dann Karlsruhe – Heilbronn.

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    Unbekannte

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    der Ausflug war wohl am Donnerstag Abend. Dort gab es einen Personenunfall im Bereich Grötzingen. Daher kann der Betreiber nichts dafür, sondern der Verunfallte, welcher sich unerlaubt im Gleisbereich aufgehalten hat…..

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    Jöhlingerin

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    Das leidige Thema S4 zieht sich trauigerweise schon seit Jahren hier durch. Irgend etwas ist doch immer, ob unverschuldet oder nicht. Es gehen kaum paar Wochen ins Land, wo alles reibungslos funktioniert, egal in welche Richtung man fahren möchte. Wenn ich dran denke, was ich wegen der Kids früher durch die Gegend gefahren bin, und auch Taxikosten wegen bevorstehenden Prüfungen entstanden sind, nur weil die Bahn nicht pünktlich oder gar nicht kam, wäre dies mal jetzt ein richtig guter Zeitpunkt, an diesem Punkt schwerpunktmässig anzusetzen. Fahre auch nur, wenn es gar nicht anderst geht. Bin aber immerhin ab und an Fahrdienst, um die Rentner abzuholen, wenns mal wieder mit der Bahn nicht klappt.

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