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An Luther versucht

Wie man an einem Reformator scheitern kann
2017 ist das Jahr der Reformation. Das große Jubiläum des Thesenanschlags von Martin Luther an der Wittenberger Schlosskirche am 31. Oktober 1517 wird in der Geburtsstadt seines langjährigen Freundes und Wegbegleiters Philipp Melanchthon mit größerer Aufmerksamkeit begleitet als andernorts. Man muss allerdings nicht von allem begeistert sein, was im Reformationsjahr dem Religionsgründer angetan wird. Dazu zählte das Gastspiel des Stuttgarter Wanderensembles „Dein Theater“. Stefan Österle hatte „Martin Luther“ mitgebracht. Dem „lutherischen Reformationsprogramm“, wie es im Untertitel heißt, ist in einem solchen Jahr das Interesse der protestantischen Institutionen und ihres Umfelds allemal gewiss. Auf dieses Interesse spekuliert „Dein Theater“ mit diesem Stück.

Ein Interesse, dem das Stück über weite Strecken zumindest vor der Pause nicht gerecht wurde. „Der spannungsreiche Abend“, auf den Axel Lange die Zuschauer mit der Bemerkung einstimmte, er erwarte eine Umsetzung des Luther-Themas mit schauspielerischen Mitteln, zog sich am Anfang eher zäh dahin. In der Pause zeigte sich ein nicht unerheblicher Teil der vielen Besucher ganz erheblich irritiert und ratlos über das Gesehene und Gehörte. Von „Deinem Theater“ hatte man tatsächlich mehr Theater und weniger Vortrag erwartet. Ratlosigkeit und Überraschung trat spätestens ein, als der Protagonist es sich über eine Viertelstunde lang mit Kopfhörern auf einem Stuhl gemütlich machte und das Geschehen einer Powerpoint-Präsentation überließ, die auf der zwischen Luther- und Melanchthonstatue gespannten Leinwand abspulte.

Stefan Österle mit seinem Programm zur Reformation: "Martin Luther"

Stefan Österle mit seinem Programm zur Reformation: „Martin Luther“

Dies wurde gesteigert dadurch, dass auf der Leinwand tatsächlich irritierende Dinge zu sehen waren. Die Zahl der gezeigten Kirchenfotos, Taufbecken, Kruzifixe, Altäre war schon beindruckend. Sie wurde jedoch übertroffen von einem Exkurs in die Welt der Glocken, der schließlich im Klang der gemeinen Kuh- oder der Hausglocke mündete. Oder etwa der Bemerkung „dass jeder Mensch ein Anrecht auf einen Platz in der freien Natur hat“. Die ausführliche Würdigung seiner eigenen, persönlichen Vita als Pfarrerssohn und die Schilderung seiner Ausbildung zuerst im Kloster Maulbronn, später im Kloster Blaubeuren wies Österle als fundierten Kenner des Luther-Lebens und -Wirkens aus.

Dem Anspruch „lutherisches Reformationsprogramm“ wurde Österle erst nach der Pause gerecht. Da ging es nicht nur im Schnelldurchgang durch die wichtigsten Stationen des Lutherschen Lebens. Die Besucher erfuhren so manches Detail selbst aus Luthers Speiseplan – Ergebnis archäologischer Forschungen in dessen Abfallgrube. Daneben leuchtete Luthers Sprachgenie auf. Eine schier unendliche Kette an heute noch gebrauchten Redewendungen machte deutlich, über welche Sprachgewalt der Reformator verfügte. Mit der Sprache spielte auch Österle. Zu Episoden aus Wittenberg verfiel er ins Sachsen-Anhaltinische. Bei der eigenen Vita glitt er in das heimische, schwäbische Idiom. Nicht deshalb aber doch wegen der nach der Pause gezeigten Inhalte wurde „Dein Theater“ mit dem gebührenden Applaus verabschiedet.

Stefan Österle mit seinem Programm zur Reformation: "Martin Luther" Dass das Stück auch andere Rezensenten durchaus kritisch sehen, möge ein Ausschnitt aus einer Besprechung in der Südwestpresse verdeutlichen:

Österle verflocht mehrere Erzählstränge zu einem Gemenge, in dem der rote Faden des Öfteren verloren ging. Die persönliche Reise zu den Lutherorten wechselte sich ab mit der geistesgeschichtlichen Einordnung und Würdigung. Die geistreich kommentierte Biografie Luthers stand neben der Erläuterung seiner Bedeutung für die evangelische Spiritualität. Und darüber hinaus sollte das Sprachgenie Luther aufleuchten, dem auch unser heutiges Deutsch noch ungezählte wortgewaltige Wendungen verdankt. Das waren ein paar gute Absichten zu viel für eine gut eineinhalbstündige Inszenierung. Hätte Stefan Österle alle Fäden in den Leitfaden seiner persönlichen Lutherreise hinein gewoben, wäre ihm das Publikum leichter und bereitwilliger gefolgt. So aber blieb der Eindruck, dass da einer vom Hundertsten ins Tausendste kam.

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