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„Warten auf Godot“

Eine Glosse aus dem Amtsgericht Bretten

„Warten auf Godot“ stand im Amtsgericht Bretten am Mittwoch auf der Tagesordnung. Doch Godot kam auch im Brettener Amtsgericht nicht an. So könnte man den Auftakt eines Prozesses wegen gefährlicher Körperverletzung in der Abteilung für Strafsachen charakterisieren.

Auf neun Uhr angesetzt verspätetete sich zunächst mal Staatsanwalt Tobias Bartek. Damit allerdings nahm das Warten für Richter Fabian Heisse, Verteidiger Cüneyt Köroglu, den Sachverständigen und die Berichterstatterin erst seinen Auftakt. Die Hauptperson, der Angeklagte, glänzte nämlich durch Abwesenheit.

Däumchen drehend saß das Quintett einige Minuten auf den harten Bänken, ehe Heisse vom Verteidiger Aufschluss erbat: „Wissen Sie wo er ist?“ Erfolglos. Nein, er wisse nicht, wo sein Mandant ist, zuckte der Verteidiger hilflos mit den Schultern. Er kenne seinen Mandanten überhaupt nicht. Der sei bei einer vorausgegangenen Anhörung vor dem Karlsruher Amtsgericht ebensowenig erschienen. Die in Diedelsheim wohnende Mutter allerdings habe er angeschrieben und aufgefordert ihren Sohn darauf hinzuweisen, dass er sich melden solle. Ebenso erfolglos.

So schnell riss der geballten, juristischen Kompetenz der Geduldsfaden allerdings nicht. Die Runde vertrieb sich die Zeit mit Smalltalk über Straßenverkehrslage und Autofahrerkategorisierung und schließlich die Parksituation vor diversen Landgerichten und der Gefahr, bei Falschparken nach einer Stunde das Auto nicht mehr wieder, sondern abgeschleppt zu finden. „In Karlsruhe kannst du keine fünf Minuten stehen“, erwies sich Verteidiger Köroglu als versierter Kenner der Karlsruher Abschleppverhältnisse.

Erst nach einer halben Stunde gab Richter Fabian Heisse auf und schloss die Verhandlung unverrichteter Dinge. Er gab gleichzeitig zu Protokoll, dass der Angeklagte zur nächsten Verhandlung zwangsvorgeführt werde. Kaum war die Akte zu, tat sich Unerwartetes. Die sichtlich erschütterte Mutter des Angeklagten stürmte zwei Minuten später mit der Vorladung in der Hand in den Gerichtssaal, konnte aber auch keinen Aufschluss darüber geben, wo ihr Sohn sich aufhalte. Womit das Kapitel „Warten auf Godot“ im Amtsgericht Bretten sich endgültig schloss.

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