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Totenruhe oder Weg?

Meinungsunterschied über Erschließung des Jöhlinger Seniorenzentrums
Es ist eine Frage der Pietät: Darf eine Gemeinde 3,5 Meter neben einer Grabreihe eine Erschließungsstraße bauen? Solches soll geschehen am Jöhlinger Friedhof. Die Erschließungsstraße für das neue Seniorenzentrum wird nach den von der Gemeinde vorgelegten Planungen genau diesen Abstand zu den Gräbern des westlichsten Grabfeldes einhalten. Dort hat Gisela Nuffer im Jahr 2005 ihren verstorbenen Mann Kurt beerdigt. Um seine Grabesruhe fürchtet sie, seit sie von diesen Planungen erfahren hat. Das geht also gar nicht, meint Gisela Nuffer.

Die Frage kann man durchaus unterschiedlich beurteilen. Karl-Heinz Burgey sieht die Antwort gänzlich anders. Als Bürgermeister hat für ihn die Möglichkeit der Erschließung des Seniorenzentrums einen ganz anderen Stellenwert als die Grabesruhe von Kurt Nuffer. Zum Austausch über diese Frage trafen sich die Kontrahenten gestern Morgen vor Ort.

Dabei wurde schnell deutlich, dass die Frage der Pietät auch eine nach der Emotionalität ist. Sie könne nachts kaum mehr ein Auge zu tun, berichtete Gisela Nuffer und kämpfte mit den Tränen. Ihr Nervenkostüm sei ramponiert. Als Unterstützung hatte sie ihren Bruder Reinhold Adis mitgebracht. Der Bürgermeister seinerseits Bauamtsmitarbeiterin Skadi Förster.

Reinhold Adis und seine Schwester Gisela Nuffer diskutieren mit Bürgermeister Karl-Heinz Burgey und Bauamtsmitarbeiterin Skadi Förster den Abstand zu den Familien-Gräbern – nur wenige Meter trennen sei vom Weg (rechts).



Die Gemeinde sei sehenden Auges in dieses Problem hineingegangen, sprang Reinhold Adis seiner Schwester zur Seite und verwies wie schon etliche Male bei anderen Gelegenheiten zuvor, auf die Untauglichkeit der gegenwärtigen Planung. Bei der Standortwahl für das Seniorenzentrum sei von der Gemeinde die Suche nach Alternativstandorten nicht nachhaltig genug betrieben worden. Bei Realisierung dieser Erschließungsstraße sei die Totenruhe seines Schwagers nicht mehr gewährleistet. Seine Schwester fürchtete in der Beziehung ganz Schlimmes, seien doch in dem Seniorenzentrum sehr viele soziale Veranstaltungen vorgesehen. Sie werde ausloten, welche Möglichkeiten es gebe, das juristisch zu verhindern. Die Grundstückseigentümer, die ihr Gelände vor langer Zeit der Gemeinde zu günstigen Bedingungen für den Friedhof zur Verfügung gestellt hatten, würden sich über den Tisch gezogen fühlen.

Der Bürgermeister zeigte großes Verständnis für die Nuffersche Betroffenheit und sich gleichzeitig auch vorbereitet auf diesen Einwand. Die Frage der Totenruhe sei nicht klar definiert. Für Straßen gebe es keinen vorgeschriebenen Mindestabstand. Er kenne keine einzige Gerichtsentscheidung, die das definiere. Er wies darauf hin, dass im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens die Bedenken vorgebracht werden können. Den Bebauungsplan werde der Gemeinderat schon am 19. März diskutieren, informierte Skadi Förster. Gegen einen später erlassenen Satzungsbeschluss könne geklagt werden.

Karl-Heinz Burgey warb seinerseits um Verständnis für die Position der Gemeinde. Den vorgesehenen Standort sehe er als gut geeignet. Der benachbarte Grundstückseigentümer habe sich geweigert, die für eine Straßenverlegung notwendigen Flächen zur Verfügung zu stellen. Deshalb müsse man sich auf die Verlegung des abgrenzenden Metallzauns beschränken.

Der Hainbuchenzaun links muss weg, der Metallzaun wird nach rechts versetzt als Abrenzng zwischen Weg und Friedhof



Doch siehe da: der benachbarte, sich weigernde Grundstückseigentümer ist Reinhold Adis selbst. Er will die notwendige Fläche zum Erhalt der Totenruhe seines Schwagers nur in Verbindung mit einem Junctim zur Verfügung stellen, wie er gegenüber NadR erklärte. Wenn die Gemeinde bereit sei, das Seniorenzentrum weiter in den Süden zu verschieben auf ein Grundstück, das auch ihm gehöre, dann werde er die Fläche für die Verlegung der Erschließungsstraße zur Verfügung stellen. Damit stehe letztendlich die Erweiterungsfläche für den Friedhof weiter zur Verfügung, was eines seiner Hauptanliegen sei.

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Kommentare (7)

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    Lothar Schmitt

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    Als Antwort auf: Totenruhe oder Weg?
    „Wenn die Gemeinde bereit sei, das Seniorenzentrum weiter in den Süden zu verschieben auf ein Grundstück, das auch ihm gehöre, dann werde er die Fläche für die Verlegung der Erschließungsstraße zur Verfügung stellen.“
    Interessant 😉

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    Philip Dehm

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    Als Antwort auf: Totenruhe oder Weg?
    Da nimmt sich jemand aus eigennützigem Interesse etwas zu wichtig 🤣🤣🤣

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    Kraichgauer

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    Als Antwort auf: Totenruhe oder Weg?
    Da bietet ein Mitbürger wertvolles Ackerland für den Bau einer schnöden Straße an, bewahrt dem Schwager pietätvoll weiterhin 5,50 Meter „Totenruhe“ vor exzessivem Autoverkehr von und zu einem Altersheim, sichert seiner Heimatgemeinde die Option auf eine Friedhofserweiterung und würde auch noch, gewissermaßen als Krönung altruistischen Gemeinsinns, weiteren wertvollsten Acker als gewöhnliches Bauland für ein Altersheim „hergeben“. Also wenn das keine großherzige und soziale Einstellung zum Wohle der Allgemeinheit ist – was dann? Wie sagt der Volksmund: „Von nichts kommt nichts“.

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    Klingelbeutel

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    Als Antwort auf: Totenruhe oder Weg?
    Man kanns als kaum glauben was man so zu lesen kriegt. Hüscht oder Hott. J R Ewing dreht sich im Grab rum, oder ist das die Neuauflage von Dallas ?

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    Eduard Langner

    |

    Als Antwort auf: Totenruhe oder Weg?

    In dem oben genannten Artikel gibt es viele Anzeichen, dass es nicht zeitgemäß wäre, das Seniorenzentrum über die Erschließung bisher unversiegelten Gebiete zu lösen. Der unsinnige Flächenverbrauch des geplanten Seniorenzentrums mit Parkplätzen und neuer Erschließung ist nicht zu tolerieren. So müsse in jedem Fall die Chance genutzt werden, in Jöhlingen eine sinnvolle verträgliche Bebauung zu verwirklichen. Aus meiner Sicht ist der richtige Weg, frei werdende und brach liegende Grundstücke und Häuser im zentralen Dorfkern konsequent zu entwickeln und für Neubebauung des Seniorenzentrums zu nutzen. Angesichts der demografischen Entwicklung besteht sogar Gefahr, dass ein steigendes Angebot an frei werdenden oder leer stehenden Häusern zu verzeichnen ist und vor allem verödet das Dorfzentrum und draußen werden neue Bauflächen ausgewiesen.
    In der Hauptstraße sind die leer stehenden Anwesen leicht zu erkennen. Die steigende Zahl der Zuwanderer wird diesen Trend nicht brechen. Die Mehrheit von ihnen zieht es in die Städte. Die Aktivierung der vorhandenen Flächen bieten viele Vorteile für die Gemeinde: Die bestehende Infrastruktur wird weiter genutzt, das Dorfzentrum erhält vitalisierende Impulse und wird insgesamt attraktiver und lebenswerter. Die Bewohner und die Besucher des geplanten Seniorenzentrums im Außenbereich werden isoliert und die Nutzung der Dorfeinrichtungen, Kirche,Cafe und Anschluss an das tägliche Leben wird den “ Alten“ nicht ermöglicht. Ob es um die Potenziale zur Nachverdichtung oder zur Umnutzung für brachliegende Areale geht: Gefordert ist in jedem Fall große planerische und architektonische Fachkenntnis, gepaart mit viel Kreativität. Dann entstehen Projekte zur optimalen Flächenutzungen.
    Das Aktionsbündnis “ Flächen gewinnen in Baden-Württemberg“ gefördert vom Land Baden-Württemberg zeigt anhand verschiedener Beispiele auf, dass bereits eine ganze Reihe von Instrumenten und Planungskonzepten zur Verfügung stehen, um überzeugende Alternativen zum Bauen im Außenbereich und auf der „grünen Wiese“ realisieren zu können. Ein schonender Umgang mit der Ressource Boden ist eine Verantwortung ,die alle Planungsbeteiligten gegenüber kommenden Generation haben. Durch die Zersiedlung wird die Infrastruktur nicht effizient genutzt, was die Kosten für die Kommune weiter treibt. Nochmals Nachdenken bevor der Bagger rollt.
    Eduard Langner
    Architekt
    Regierungsbaumeister

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    Raimund Würtz

    |

    Als Antwort auf: Totenruhe oder Weg?
    Walzbachtal, wie es funktioniert. Hier Herr Adis, dort Mister X und gestern Senior Y. Ab und an, weil lukrativ und nötig, auch einmal in Truppenstärke vereint. Schaut man sich die Projekte der letzten Jahre an, so kann man was erleben. Das Wunder von Walzbachtal. Klar erkennbar, erscheinen nach längerer Verweildauer auf den Wänden Gesichter. Unscheinbar und abseits eine kleine Figur, die der Bürgermeister sein könnte.
    Verdutzt nimmt man das forsche Outing von Herrn Adis wahr. Ob dies den anderen Vertretern von Partikularinteressen recht ist? Hinterzimmer und geheim, so kennt man es bisher. Zeigt sich nun eine neue Kultur wie die der Automobilbosse? Nicht zu glauben, da der Gemeinderat in dieser Woche geheim in schwerer Sache tagte. Warten wir ab, bis wann es für eine Nachricht in NADR reicht.

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    Jöhlinger

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    Als Antwort auf: Totenruhe oder Weg?
    Auch die Verkehrsanbindung ist fraglich! Mir fällt kaum ein ungeeigneterer Platz für das Seniorenzentrum in Jöhlingen ein, als hinter dem Friedhof. Einzigster Vorteil: Kurze Wege zur S-Bahn. Die Zufahrtswege zum Seniorenzentrum alle sehr eng und gehen über längere Strecken durch Wohngebiet. Bahnübergang der 3 mal (6 mal) in der Stunde geschlossen ist. Dementsprechend auch Fußgängerverkehr (Bahnfahrer) an Stellen wo es keine (schmale) Gehwege gibt. Weg Richtung Ortsmitte (Leonorenweg) mit Rollator unbenutzbar. Wie man auf den Platz kommen kann, ist mir ein Rätsel!

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