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Mehr Natur im Siedlungsgrün

Warum jeder Quadratmeter heimischer Wildpflanzen zählt
(PM) Am 18. Oktober besuchte Diplom-Biologe Martin Klatt den OV Grüne Walzbachtal. In seiner Rolle als NABU-Fachreferent im Bereich „Arten- und Biotopschutz“ hielt er einen Vortrag zum Thema „Mehr Natur im Siedlungsgrün – warum jeder Quadratmeter heimischer Wildpflanzen zählt“. Unter den 30 Besuchern befanden sich neben dem Bürgermeister der Gemeinde Walzbachtal, Herrn Burgey, und dem Bauhofleiter der Gemeinde Walzbachtal, Herrn Scholer, auch der Bauhofleiter aus Bretten.

Herr Klatt ging zu Beginn seines Vortrages auf die Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt in Rio de Janeiro aus dem Jahr 1992 ein. Bis zum Jahr 2010 sollte der Verlust an Tieren, Pflanzen und deren Lebensräume weltweit deutlich gebremst werden. Er stellte die provokative Frage, ob die Ziele von Rio endgültig verfehlt seien und ging gleichzeitig auf die aktuelle UN-Dekade „Leben – Natur – Vielfalt“ ein. In Baden-Württemberg wurden die größten Verluste an biologischer Vielfalt in landwirtschaftlichen Flächen verzeichnet. Landwirtschaftliche Flächen nehmen in Baden-Württemberg 45% der Gesamtfläche ein.

Weitere wichtige Flächen, die Herr Klatt in den Fokus seines Vortrages nahm, sind die Siedlungs- und Verkehrsflächen, welche in Baden-Württemberg 14% der Gesamtfläche einnehmen. Herr Klatt stellte die These auf, dass Siedlungsgrün Naturerwartungsland sei. In diesem Naturerwartungsland ist biologische Vielfalt von großer Bedeutung. Diese biologische Vielfalt lässt sich durch den Status der Vogelwelt messen. Im Siedlungsraum sind Freiflächen oft sehr klein, was zur Folge hat, dass man sich auf die Insektenwelt und hierbei insbesondere auf die Wildbienen fokussieren muss. Wildbienen sind mit über 580 Arten in Deutschland eine bedeutende Insektengruppe. Sie brauchen Pollen und Nektar und sind unverzichtbare Blütenbestäuber. Wildbienengemeinschaften sind ein ausgezeichneter Gradmesser für die Lebensraumqualität. Wildbienen können auch im Siedlungsraum recht kleine Grünanlagen als vollwertigen Lebensraum nutzen und sind leider zunehmend im Bestand bedroht und benötigen auch im Siedlungsraum blütenreiche Lebensräume.

Die zunehmende Armut an Blüten in der Landschaft ist eine der Hauptursachen für den Rückgang bzw. das Verschwinden vieler Wildbienenarten. Das gilt für die offene Landschaft wie auch für den Siedlungsraum. Die Entwicklung der Roten Liste der Wildbienen am Beispiel von Baden-Württemberg ist alarmierend. In Deutschland gelten über 50% der Wildbienenarten als gefährdet. Nun stellt sich die Frage, wie man die Natur in die Siedlung holt. Hierzu gibt es eine klare Antwort: durch nachhaltige Blumenwiesen.

Herr Klatt erläuterte dies am Beispiel der „Mozart-Anlage“ der Stadt Rastatt, wo die Flächenpflege ab dem Jahr 2000 umgestellt wurde. Statt der bisherigen Rasenmahd wird die Grünanlage seitdem zweimal im Jahr gemäht und das Schnittgut abgeräumt. Für die Jahre 2002-2007 wurde der NABU-Kreisverband Rastatt damit beauftragt, die Entwicklung der Wildbienengemeinschaften in der Mozart-Anlage, zu untersuchen. Es konnten 72 Arten, davon 15 gefährdete Arten gezählt werden. Ohne Blumeneinsaat dauert der Anstieg des Artenreichtums lange.

Ein weiteres Beispiel für die Ansiedlung von Artenvielfalt in Siedlungen ist die Renaturierung des ehemaligen Klärwerkgeländes des Daimler-Werkes in Rastatt, welches die Auszeichnung als UN-Dekade Projekt im Jahr 2013 erhielt. Die Fläche ist von überregionaler Bedeutung, da sich 64 verschiedene Arten angesiedelt haben, wovon sich 22 Arten auf der Roten Liste Baden-Württembergs befinden.

Für öffentliche Grünflächen bietet es sich an, am Projekt „Natur nah dran“ zu bewerben. Das Projekt, für das sich auch die Gemeinde Walzbachtal beworben hat, dient der Förderung der biologischen Vielfalt im Siedlungsraum im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie des Landes Baden-Württemberg. Von 2016-2020 werden jährlich 10 Gemeinden bei der Umgestaltung ihrer Grünanlagen mit bis zu 15000 Euro gefördert. Das Förderpaket für Kommunen beinhaltet einen Schulungstag mit theoretischer Einführung und Besuch von Beispielflächen, die Detailplanung für die Flächengestaltung(en), die Begleitung der konkreten Arbeit und der Flächenentwicklung, das Pflanzgut und Material zur Gestaltung der Flächen sowie Infoschilder vor Ort. Die wesentliche Aufgabe bei diesem Projekt ist es die Bevölkerung über das Projekt aufzuklären und vor allem Geduld bei der Flächenentwicklung zu haben, da es sicherlich keine schnellen Veränderungen wie bei einjährigen Saatmischungen geben wird.

Herr Klatt beendete seinen Vortrag mit dem Fazit, dass eine große Vielfalt und heimischen Pflanzenarten im Siedlungsgrün eine großer Vielfalt in der Tierwelt fördert. Selbst kleine Grünflächen mit heimischen Pflanzenarten können die biologische Vielfalt bei den Insekten, insbesondere bei Wildbienen spürbar steigern. Nicht nur „Allerweltsarten“ sondern auch Nahrungsspezialisten und in ihrem Bestand gefährdete Arten profitieren. Infolge des größeren Insektenreichtums besiedeln auch die Jäger diese Grünflächen – entweder nur zum Beutemachen oder dauerhaft: Säugetiere, Reptilien und Vögel etc. Naturnahes Siedlungsgrün bedeutet Förderung der biologischen Vielfalt in der UN-Dekade 2011-2020.

In der abschließenden Diskussionsrunde berichtete Herr Scholer über die konsequente Weiterentwicklung der Grünanlagen in Walzbachtal. Dies ist nicht immer sehr einfach, da beispielsweise auch schon Bürger in öffentliche Grünflächen eingegriffen haben, indem sie die Flächen frühzeitig gemäht haben. Bürgermeister Burgey war es ein Anliegen, dass die Kinder und Jugend für dieses Thema sensibilisiert werden. Anhand von Beispielsflächen und Monitoring sei ein erster Schritt getan, weitere Schritte werden folgen.

Herr Klatt empfahl zum Abschluss der Veranstaltung Saatmischungen der Firma Rieger Hofmann (http://rieger-hofmann.webseiten.cc). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jeder einzelne Bürger in wenigen Schritten aktiv zum Artenreichtum beitragen kann. Insbesondere bei der Gartengestaltung kann man mit mehrjährigen heimischen Blütenmischungen, eine Vielfalt von Frühling bis Herbst schaffen und gleichzeitig etwas für die Nachhaltigkeit tun.

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