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Machtübernahme II

„Der Wössinger Musikverein wird umgebildet werden müssen“
Jetzt der zweite Teil der kleinen Serie, die in der Dorfzeitung Anfang 1983 zum 50. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung“ erschien. Dieses Mal geht es um die Verfolgung der Organisationen der Arbeiterbewegung, die damals vielfältig verzweigt war in Wössingen.

„Der Wössinger Musikverein wird umgebildet werden müssen“

Die Reihe „Machtübernahme bei uns“ wollen wir in dieser Ausgabe mit der Beschreibung der Repressalien fortsetzen, denen vom Zentrum bis hin zur KPD nahezu alle nicht-nationalsozialistschen Parteien ausgesetzt waren.

Das Hauptaugenmerk der Nationalsozialisten galt selbstverständlich kurz nach der Machtübernahme den Parteien der Arbeiterbewegung. Besonders zu leiden hatte hier die sowohl in Wössingen wie in Jöhlingen vertretene KPD. In Wössingen wurde die gesamt KPD-Gruppe am Vorabend der letzten Reichstagswahlen vom 5. März 1933 in „Schutzhaft“ genommen und auf einem Lastwagen vom vor dem Rathaus gelegenen „Bloh“ aus ins KZ Kislau transportiert. Bis auf Eugen Schaier sollen aber sämtliche Mitglieder der Gruppe wenige Tage später wieder freigelassen worden sein. Bei Schaier hatte man wohl eine Pistole gefunden und er galt mithin den damals Regierenden als besonders unzuverlässiger Zeitgenosse. So hatte auch der Wössinger Gemeinderat mehrfach Stellung zu nehmen zu seinem Antrag auf Haítentlassung. Am 26.6.1933 beschließt er: „Den Angaben des Schaier wird keinen Glauben geschenkt. Der Leumund ist nicht gut. weshalb gegen die Entlassung Bedenken bestehen.“ ‚Und am 11.7.1933 wurde derselbe Antrag vom Gemeinderat nochmals zurückgestellt. Insgesamt dürfte Eugen Schaier also mehrere Monate im KZ verbracht haben.

Mit derselben Entschlossenheit gingen die Nazis gegen die übrigen Organisationen der Arbeiterbewegung vor. ln einem Verzeichnis der im Amtsbezirk Bretten aufgelösten Organisationen (GLA 357/Zug. 1973/51 fasc 1814) werden als aufgelöst angeführt „aufgrund der Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“: Die SPD, der Arbeiterturnverein, der Arbeitergesangverein, der Arbeiterradverein Solidarität, der Musikverein Harmonie. Bei der SPD wurden Kassenbuch, Mitgliederbuch, Spar- und Mitgliedsbücher und eine Wählerliste beschlagnahmt, beim Arbeiterradverein das Banner, beim Arbeiterturnverein Barren, Sprungbrett, Reck und das Sparbuch über 240,80 RM („NSDAP will übernehmen“}.

Besondere Aufmerksamkeit wurde dem Musikverein Harmonie zuteil. Über alle Mitglieder wurde Buch geführt je nach politischer Einstellung und aktiver und passiver Mitgljedsehaft. Die aktiven Mitglieder wurden durchweg als Mitglieder der KPD und SPD eingestuft, so daß der Ortsgruppenleiter Böckle noch am 6, August 1934 in einem Schreiben an den Gendarmerie-Bezirk Bretten klagte: „Der Vorstand des Musikvereins Harmonie in Wössingen war bis März 1933 Mitglied der KPD. Ich halte es für nicht angebracht, daß ein Kommunist eine Führerstelle begleiten kann. Ausserdem besteht dieser Verein in der Mehrzahl aus Marxisten. Dieser Verein wird umgebildet werden müssen. eine völlige Auflösung wäre nicht erwünscht, weil dann die Wössinger SA ohne Musikkapelle wäre. In diesem Sinne möchte ich die Angelegenheit geregelt sehen. Die Mitglieder des Musikvereins haben sich soweit Ieidlich geführt. ln Schutzhaft wurde lediglich der Vorstand Friedrich genommen.“

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