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Machtübernahme I

In den letzten „Gemeinderatssplittern“ hatten wir angekündigt, dass wir die kleine Serie, die in der Dorfzeitung Anfang 1983 zum 50. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung“ erschien, noch einmal aufgreifen und hier veröffentlichen wollen. Hier kommt der erste Teil:

Dorfzeitung Nr. 56 Seite 17 vom 1. Februar 1983:

Machtübernahme bei uns
Auch in Wössingen und Jöhlingen übernahm vor fünfzig Jahren die NSDAP die Macht. Den sich darum rankenden Ereignissen wollen wir eine Reihe von Berichten widmen, mit der wir in dieser Ausgabe beginnen. Jene Zeit liegt noch nicht sehr lange zurück. Viele Betroffene leben noch und dennoch – oder besser gerade deswegen? – sind die offiziellen Informationen darüber mehr als spärlich. Schlägt man das Wössinger Heimatbuch „Wössingen im Wandel der Zeit” auf, so hat für die Autoren der Nationalsozialismus in diesem Dorf überhaupt nicht stattgefunden. Zwischen den Kapiteln „Die Wasserleitung” und „Der Zweite Weltkrieg” gähnt eine Lücke. Nicht ein einziges Wort Über die NS-Zeit. Aus den Protokollbüchern des Gemeinderats herausgerissene Seiten komplettieren diese Lücke. Daß der Zeitgeist damals allerdings auch vor Wössingen und löhlingen nicht Halt machte, geht aus den mühsam zusammengetragenen, verbliebenen Informationen im Gemeindearchiv, Generallandesarchiv und vor allen Dingen aus Gesprächen mit älteren Mitbürgern und Augenzeugen hervor.

Wie überall im Deutschen Reich gingen der sogenannten „Machtübernahme” mit der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes am 28. Februar 1933 auch in unseren beiden Dörfern zahlreiche mitunter handfeste Auseinandersetzungen voraus. Nach übereinstimmenden Erzählungen traf sich die Wössinger 20 – 25 Mann starke KPD-Ortsgruppe in einem Steinbruch am Kutscherweg, um zu beraten auf welche Art und Weise am besten Widerstand geleistet werden könne. Bei einer dieser bewaffneten, geheimen Versammlungen wurde auf einen Gemeindebediensteten geschossen, der den Auftrag erhalten hatte, die Versammlung zu belauschen. In Jöhlingen verlief die Entwicklung noch heftiger und stürmischer. Zunächst hatte da eine Einheitsfront aus KPD, SPD und Gewerkschaften mit einer Demonstration durch den Ort einen letzten Versuch unternommen, auf die drohende Entwicklung Einfluß zu nehmen. Zwischen fünfzig und hundert Teilnehmern zogen unter roten Fahnen die Hauptstraße den Bach entlang. An den Häusern der politischen Gegner kam es zu lautstarken Auseinandersetzungen.

Die Jöhlinger NSDAP ließ wenig später eine „deftige“ Reaktion folgen. Hören wir dazu einen Teilnehmer: „Zu dem Krawall in der Nacht vom 18. auf den 19. März 1933, bei dem auf das Haus des Bürgermeisters und des damaligen Ratschreibers Schaier geschossen worden sein soll. Ich war dabei und wurde 1947 zusammen mit drei anderen Teilnehmern wegen ,Landfriedensbruch‘ verurteilt, Wie kam es überhaupt zu diesem spontanen ,Unwillensausbruch”? Der damalige Ratschreiber Schaier, der in der sogenannten Kampfzeit wohl unser gehässigster Gegner war, war am 16. März bei der Kreisleitung der NSDAP in Karlsruhe erschienen und hatte um einen Aufnahmeschein in die Partei gebeten. Dieser ausgefüllte Aufnahmeschein wurde der hiesigen Ortsgruppe zugeschickt. Als dies anläßlich einer Versammlung im Lamm durch den Ortsgruppenleiter bekannt gemacht wurde, brach eine derartige Empörung unter den Anwesenden aus, daß es zu einer „Explosion kam. Wo das Gewehr herkam, weiß ich nicht mehr genau“ Was im folgenden geschah darüber gibt es widersprüchliche Aussagen. Auf jeden Fall formierte sich ein Zug empörter NS-Anhänger, der durch die .löhlinger Straßen zunächst zum Haus des Bürgermeisters Gigling zog. Gigling war noch in der Weimarer Zeit gewählt worden, war KPD-Mitglied und seines Amtes noch nicht enthoben. Ob nun beim Haus des Bürgermeisters „lediglich” in die Luft geschossen wurde – wie die einen behaupten – oder das Haus selbst beschossen wurde e wie die anderen behaupten sei dahingestellt. Zutreffend dürfte auf jeden Fall sein, daß die Nazis „in dieser Nacht alles rebellisch gemacht haben“. Vom Haus des Bürgermeisters ging es weiter zum Haus des Ratschreibeıs, der mit seinem Aufnahmeantrag den Aufruhr ausgelöst hatte. Schlimmeres wurde dort wohl durch den inzwischen eingetroffenen Ortspolizisten Schwarz verhindert, der nicht NS-Mitglied war und die Menge beschwichtigte.

Daß sich die Auseinandersetzungen um die Machtübernahme auch in den Beratungen der Gemeinderäte niederschlugen, machen die noch erhaltenen Protokolle deutlich. In Wössingen war zwar am 14. Oktober 1932 noch ein Antrag auf Kranzniederlegung durch die NSDAP mit 7 gegen 2 Stimmen überdeutlich abgeschmettert worden. Doch schon vor der letzten Reichtagswahl am 5.3.1933 wurde vom Gemeinderat mit 4 gegen immerhin noch 3 Stimmen dem Antrag der NSDAP stattgegeben, am Wahltag das Rathaus mit der Hakenkreuzfahne zu beflaggen. Einzige Bedingung: auch die schwarz-weiß-rote Fahne des Reiches müsse neben der Hakenkreuzfahne gehißt werden. Bereits fiinf Tage nach der Wahl wurde Adolf Hitler vom Gemeinderat zum Ehrenbürger Wössingens ernannt. Eine Ernennung, die übrigens bisher weder vom Wössinger noch Walzbachtaler Gemeinderat widerrufen wurde. August Lotsch, der wohl die einzige Gegenstimme zur Ehrenbürgerschaft Hitlers erhoben hatte, wurde Wenige Tage später zur Niederlegung seines Gemeinderatsmandats gezwungen, wie auch die Bürgerausschußmitglieder Wilhelm Schneider, Gustav Wagner und Wilhelm Deuscher. In der gleichen Sitzung vom 23. März 33 erklärten sich die Ortsgruppen der KPD und der SPD für aufgelöst. Kein Wunder, waren doch etliche KPD-Mitglieder bereits am Wahltag verhaftet und ins Zuchthaus nach Bruchsal gebracht worden. Ein KPD-Mitglied mußte aus der Gemeindewohnung ausziehen. Zwischen März und Mai sind etliche Seiten aus dem Protokollbuch herausgetrennt. In dieser Zeit waren wohl weitere Gemeinderäte zur Amtsniederlegung gezwungen worden, denn am 19. Mai begrüßt der Bürgermeister eine Reihe neuer Gemeinderäte.

Daß die neuen Machthaber in Wössingen trotzdem anfangs noch mit Widerstand rechneten, beweisen unmittelbar folgende Eintragungen. Am 2. Juni wird „dem Schuldiener Karl Schaier und Wegwart Müller durch den Bürgermeister eröffnet, daß sie, falls sie irgendwelche beleidigende oder herabwürdigende Äußerungen gegen die Regierung, die Gemeinderäte, die SA oder dessen Führer oder gegen die NSDAP machen, fristlos ohne jegliche Entschädigung entlassen werden.“ Unter dem 21. April ist eine Bemerkung zu finden, die die Bewaffnung einiger KPD-Mitglieder bestätigt: „Verhalten des Polizeihilfsdieners Philipp Wetzel in Wössingen gegenüber des Waffenbesitzes von Oskar Gauß in Wössingen. Wetzel erhält einen ,Verweis`, weil er unterlassen hat, dem Bürgermeister Anzeige zu erstatten”

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