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Lamm schließt

Letzte Wössinger Metzgereien finden keine Nachfolger / Historische Anekdote
Adler, Lamm, Linde, Löwen, Ochsen, Krone, Kanne, Zehntscheune, Quelle – die Zahl der Restaurants war einst groß in Wössingen. Von der ganzen Pracht ist nicht mehr viel übrig. Mit dem Lamm schließt zum 31. Januar die letzte dieser historischen Gaststätten. Die Metzgerei im Lamm hatte schon vorher ihre Pforten geschlossen. Irgendwann Mitte dieses Jahres – noch steht das genaue Datum nicht fest – wird auch die Metzgerei Dittes folgen, wie Inhaberin Lotte Dittes bestätigt. Die Wahrscheinlichkeit einen Nachfolger zu finden gehe gegen Null angesichts eines von den Aufsichtsbehörden geforderten Investitionsvolumens von 1,5 Millionen Euro.

Damit manifestiert sich in Wössingen ein Trend, der bundesweit festzustellen ist. „Es ist doch überall so, dass die kleinen Metzgereien dicht machen“, weiß Hans Reimold, der die von seinem Vater in den fünfziger Jahren gegründete Metzgerei im Lamm bis vor wenigen Jahren führte. Handfestes Beispiel für ihn sind die Innungsversammlungen. „Als mein Vater zum ersten Mal die Innungsversammlung der Metzger aus dem Stadt- und Landkreis besuchte, da war das Versammlungslokal mit über 150 Mitgliedern rammelvoll. Heute kommen zu der gleichen Versammlung nur noch 58 Mitglieder, obwohl der Landkreis Bruchsal noch mit dazugekommen ist“, berichtet er. Die kleinen Metzger würden den Kampf ums Überleben nicht nur wegen der übermächtige Konkurrenz der Supermärkte verlieren, sondern auch wegen der „immer wieder neuen Vorschriften“, die den Metzgern auferlegt wurden. Dagegen komme ein normaler Metzger auch mit dem Konzept der hochpreisigen Produkte und hoher Qualität nicht an.

Gerne hätte der heute 63-Jährige seine Metzgerei weiter geführt. Den Beruf, „bei dem man schwer arbeiten muss“ habe er schon seit einigen Jahren krankheitshalber nicht mehr ausüben können. Gerne hätte er „noch ein wenig weiter gemacht“ wie er sagt. „Es wird mir etwas fehlen. Ich bin mit so vielen Leuten zusammen gekommen und man wusste immer, was im Dorf los ist“, lächelt er ein wenig wehmütig. Das Nachfolgeproblem konnte durch die Kinder nicht gelöst werden: „Wenn mein Sohn oder meine Tochter Interesse hätten, dann hätte ich heute noch auf. Doch beide haben kein Interesse gehabt.“

Mit dem Lamm schließt zum Monatsende eine Gaststätte mit langer Tradition, die nachgewiesen mindestens bis ins 18. Jahrhundert reicht. Sie war Heimat und Versammlungslokal für unzählige Vereine. Das ein oder andere Anekdötchen rankt sich darum. Eines der interessantesten ist sogar schriftlich überliefert. Am 6. Mai 1888 kam es dort nach einem Artikel in der Badischen Landeszeitung zu einer fatalen Begegnung der wohl etwas rückständigen, hiesigen Dorfjugend mit einer Karlsruher Ausflugsgesellschaft. Es sei eine „Anzahl Karlsruher junger Herren mittelst Tretrades“, so schreibt die Landeszeitung, im Lamm angekommen. Ob es sich dabei noch um die historischen Drais-Räder handelte oder schon um solche mit Kettenantrieb ist nicht überliefert. Die Bemerkung lässt andererseits darauf schließen, dass Wössingen Ende des 19. Jahrhunderts oft Ausflügler aus Karlsruhe anzog, denn ähnliche Bemerkungen existieren auch über andere Wössinger Gaststätten.

Im Lamm also hatten sich an jenem Tag schon andere Besucher aus der badischen Hauptstadt als Sonntagsgäste niedergelassen. „Es scheint, dass die jungen Herren Belästigungen von der dem Radsport bekanntlich nicht sehr holden ländlichen Jugend vermutheten, denn einer der ersteren zog um zu zeigen, dass er gerüstet sei, Angriffen zu begegnen, aus der Tasche eine Pistol“! heißt es in dem anheimelndem historischen Deutsch jener Zeit (keine Tippfehler). Die „Pistol“ habe sich sofort entladen, unglücklicherweise in den Rücken eines Karlsruher Architekten. „Die Bestürzung und der Unmuth über die strafbare Fahrlässigkeit des Schuldigen waren natürlich allgemein und groß. Die Radfahrergesellschaft entfernte sich schleunigst von dem Orte, an welchem einer ihrer Angehörigen so Unheilvolles angerichtet hatte, heißt es in dem Artikel und diesem Deutsch weiter. Der Verwundete sei „nach vorläufiger erster Hilfe durch hiesige ärztliche Kräfte in Besorgniß erregendem Zustand nach Karlsruhe gebracht“ worden.

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Kommentare (2)

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    Michael D.

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    Als Antwort auf: Lamm schließt
    „…angesichts eines von den Aufsichtsbehörden geforderten Investitionsvolumens von 1,5 Millionen Euro“ (für eine ländliche Metzgerei!). Ach, wie sich doch die heutigen Vorschriftenmacher (häufig in Brüssel zu finden) um das „Wohl“ des Bürgers kümmern. Wieviel Würste muß ein lokaler Metzger dafür verkaufen, bis er die Kredite abbezahlt hat? Die Discounter werden bald einen Monopol haben. Werden die Preise dann astronomisch steigen und die Qualität ins Bodenlose fallen?

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    Kraichgauer

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    Als Antwort auf: Lamm schließt
    Unter einer Million geht heut nix mehr … net emol ä Metzel uf em Land? Die pösen Aufsichtsbehörden. Keiner weiß zwar, wie diese (behauptete) Zahl zustande kam oder „gerechnet“ wurde … aber gut für einen Aufreger allemal. Ich kenne eine Hofmetzgerei mit Hofladen, die „mussten“ vor drei Jahren ca. 400.000 € investieren. Das war schon teuer, und zwar deshalb, weil die selber schlachten: In der Woche 15 Schweine, 5 Rinder, über 200 Hühner und Puten und nach Jahreszeit Lämmer. Da schaffen 6 Arbeitskräfte in Vollzeit. Welche Metzgerei im Kreis KA schlachtet noch? Wollen wir im übrigen zeitgemäße Hygiene- und Lebensmittelsicherheitsstandards wieder mit der Zeit vor 1900 eintauschen?

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