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Kinderarzt gibt auf


Die Nadel im Heuhaufen scheint einfacher gefunden zu sein, als den Nachfolger einer Landarztpraxis. Davon kann Johannes Garvelmann, niedergelassener Kinderarzt in Knittlingen, inzwischen ein trauriges Lied singen. Die jahrelange Suche nach einem gleichgestellten Partner oder Entlastungsassistenten (Arzt in Facharztausbildung) für die gutgehende Praxis im Pflegmühleweg blieb erfolglos. Praxisvermittlungsportale, sowie Bemühungen verschiedener Makler erbrachten ebenso wenig Resonanz wie zwei große Briefaktionen. Alle Kinderkliniken in ganz Deutschland schrieb der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt für Neuropädiatrie und Epileptologie mit einem Exposé seiner ansprechenden und modernen Praxis an. Gerichtet war das Anschreiben sowohl an Chefärzte, als auch an Assistentenvertreter. Das Ergebnis: Null! Ein zweiter Rundbrief ging an alle neuropädiatrischen Kliniken deutschlandweit. „Dieses Mal erfolgte immerhin die nette Rückmeldung eines Oberarztes aus dem Saarland, der mir zur tollen Praxis gratulierte und sich nach der Lage der Ärzte auf dem Land erkundigen wollte“, berichtet Garvelmann schmunzelnd. Ein weiterer Kollege aus Ludwigsburg habe tatsächlich Interesse an einer Praxisübernahme gezeigt, sich dann aber aufgrund seines Schwerpunktes in der Kinderpneumologie dagegen entschieden, da diese in der Umgebung bereits vertreten sei.

„Die Weitergabe einer pädiatrischen Praxis in ländlichem Gebiet gestaltet sich außerordentlich schwierig. Ein großer Teil der Kinderärzte hat inzwischen das Rentenalter erreicht und viele Praxen in besten städtischen Lagen werden auf dem Markt angeboten“ erzählt Garvelmann weiter. „Aufgrund besonderer Bedingungen in ländlicheren Gebieten, beispielsweise einer höheren Frequenz von Notdiensten, der Verpflichtung des Arztes an vier Tagen pro Woche rund um die Uhr erreichbar zu sein (Präsenzpflicht) und der geringeren Möglichkeiten eine Krankheits- oder Urlaubsvertretung zu finden, sind Praxisstandorte auf dem Land denen in der Stadt unterlegen.“ Ein weiterer Punkt sei die Tatsache, dass inzwischen über 75 Prozent der Absolventen der pädiatrischen Facharztausbildung Frauen sind. Diese seien besonders auf eine verlässliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie angewiesen, betont er. „Eine Bedingung, die sich in städtischem Umfeld leichter umsetzen lässt.“

Johannes Garvelmann macht seinen Patienten gegenüber keinen Hehl aus seiner gesundheitlichen Situation. Bereits seit Ende seines Studiums habe ihn eine gewisse Anfälligkeit in außerordentlichen Stresssituationen begleitet, die ihn oft mehr belasteten, als ihm zuträglich war. Aber mit entsprechenden verhaltenstherapeutischen Gegenmaßnahmen, in ganz heftigen Zeiten auch mit Hilfe von Medikamenten, hätte sich seine physische und psychische Verfassung stabil halten lassen, berichtet der in Bretten lebende Mediziner offen. Die Wochenenden und die Urlaubszeiten hätten noch ausgereicht, um Körper und Seele von den Strapazen der Drei-Schicht-Dienste, 24-stündigen Erreichbarkeit, sowie zusätzlicher Notdienste in den inzwischen 35 Berufsjahren regenerieren zu lassen. Eine Regeneration war aber nicht mehr möglich, als ihm 2015 der Bescheid über die Einleitung eines Regressverfahrens durch die Prüfeinrichtungen Baden-Württembergs zugestellt wurde. Darin wurde angemahnt, er habe in den Jahren 2013 bis 2015 zu viele Arzneimittel verordnet. Die zur Begründung seines Verordnungsverhaltens notwendigen Nachweise stellten eine enorme Zusatzbelastung dar. Obwohl die Regressforderungen durch das Sozialgericht abgelehnt wurden, rutschte Garvelmann in eine depressive Krise. Eine stationäre Behandlung und eine sechsmonatige berufliche Auszeit wurden notwendig.

Johannes Garvelmann wäre nicht Arzt, wenn er nicht selbst wüsste, was in seiner gesundheitlichen Situation das einzig Sinnvolle ist: Kürzer treten, um Kraftreserven sammeln zu können. Diese Maßnahme zwingt den 60-jährigen nun zu dem traurigen Schritt, sieben Jahre vor Erreichen des Rentenalters seine Praxis ohne Nachfolger schließen zu müssen. „Die Arbeitssituation für niedergelassene Ärzte hat sich durch gesundheitspolitische Entscheidungen inzwischen derart verschlechtert, dass diese Art der ärztlichen Berufsausübung von der jungen Ärztegeneration als unzumutbar wahrgenommen wird. Gäbe es mehr Solidarität unter Ärzten mit demselben Tätigkeitsschwerpunkt, könnte man durchaus Modelle finden, mit denen die Gefahr einer Überlastung minimiert werden könnte“, erklärt Garvelmann und weist auf diese Alternative hin. Zusammenschlüsse zu Großpraxen, ein Modell das sich andernorts schon zunehmend durchsetzt, wäre in seinen Augen eine sinnvolle Lösung. Damit könnten zusätzlich viele Teilzeitstellen geschaffen werden, die insbesondere für die vielen Ärztinnen dieser Fachrichtung von Vorteil wären. Ungeachtet dessen wird Johannes Garvelmann zukünftig in deutlich reduziertem Umfang in der Telemedizin für in der Schweiz versicherte Patienten per Homeoffice weiterarbeiten.

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Kommentare (1)

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    Gondelsheimer

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    Als Antwort auf: Kinderarzt gibt auf
    Zusammen mit dem Hebammenmangel macht ein Kinderarztmangel das Kinderkriegen hier auf dem Land zunehmend „unbequemer“ und „fahrintensiver“. Man kann da niemandem zum Arbeiten zwingen, muss sich aber nicht wundern, wenn alles in die Städte drängt.

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