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Glocken still

Schwierige Sanierung der Christusglocke in der Wössinger Weinbrennerkirche
Wenn die Kirchenglocken laut ihre Botschaft übers Dorf verkünden, dann fühlt sich so mancher belästigt. Das Gegenteil ist in Wössingen derzeit der Fall. Das Geläut hat sich bemerkbar reduziert. Beim Zusammenläuten sind statt drei nur mehr zwei Glocken zu hören. Die große Glocke der Weinbrennerkirche, die sogenannte Christusglocke, schweigt seit einigen Wochen.

Das fällt den älteren Wössingern natürlich auf. Ihnen fehlt der gewohnte Dreiklang. Erste Ansprechpartnerin für diese Beobachung ist Martina Tomaides. Von der Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde erhoffen sich viele Aufklärung darüber, „warum das beim Läuten anders klingt“. Sie sei schon oft darauf angesprochen worden, weil viele in der Gemeinde darauf hören, welche Glocke läutet. Jeder der drei Glocken ist nämlich ein Signal zugeordnet. Läutet außerhalb der normalen Gottesdienstzeiten die große, zeigt das an, dass ein Mann gestorben ist. Die mittlere steht für eine gestorbene Frau, die kleine für ein Kind. Diese vertrauten Signale sind so nicht mehr möglich.

Das Schweigen ist aus Sicherheitsgründen verhängt worden. Das metallene Stahljoch, über das die knapp hundert Jahre alte Christusglocke angetrieben wird, ist ausgeschlagen. Im schlimmsten Fall droht sie abzustürzen. Was das nahezu eineinhalb Tonnen schwere Ungetüm dabei im Kirchturm anrichten würde, mag sich Joachim Dittus, Bausachverständiger im Kirchengemeinderat, gar nicht vorstellen. Er und niemand anderes will für so etwas die Verantwortung übernehmen. Deshalb schweigt die Christusglocke. Dittus und die anderen Verantwortlichen der evangelischen Kirchengemeinde setzen derzeit alles daran, dem Stillstand bald ein Ende zu setzen. Bis zu den Sommerferien spätestens – damit rechnet der Kirchengemeinderat – soll eine Strategie zur Reparatur entworfen werden. Der im benachbarten Dürrenbüchig wohnende Glockensachverständige der evangelischen Landeskirche Martin Kares war schon vor Ort und hat sich die Malaise angesehen. Und hat entdeckt: Das auf dem Glockenstuhl aufsitzende „Zahnkranzwälzlager“ wie es exakt heißt ist durch Materialabnutzung „am Ende“, wie Kares formuliert. Dessen Sanierung bereitet ihm Kopfzerbrechen. Denn im Wössinger Kirchturm hängt ein Trio sehr, sehr seltener Exemplare. Er weiß von maximal zwei, drei Glocken mit der gleichen Stahlaufhängung in der badischen Landeskirche. Ersatzteile gibt es schon lange nicht mehr.

Die Frage ist, ob dieses stählerne Zahnkranzwälzlager erhalten bleiben muss oder durch ein Holzjoch wie in den meisten anderen Kirchen ersetzt werden darf. Weil dieses Lager so selten und historisch ist, hat in dieser Entscheidung das Denkmalamt ein Wörtchen mitzureden. Doch der in Stuttgart zuständige Denkmalpfleger hat sich in den Urlaub verabschiedet und auch sonst gut zu tun. Die Entscheidung wird also noch ein Weilchen auf sich warten lassen müssen. Falls es bei diesem Lager bleibt, müsse ein spezielles CNC-gefertigtes Pendant in Auftrag gegeben werden, sagt Kares. So etwas habe er noch nie in Auftrag gegeben. Er hofft auf eine technische Ausführung bis zum Herbst.

Die Kosten beziffert Kares auf bis zu 10.000 Euro. Die Kirchengemeinde wird darauf nicht allein sitzen bleiben müssen. Von der Landeskirche gibt es einen Zuschuss von 25 Prozent, die politische Gemeinde wird einen Obulus beisteuern und nicht zuletzt hofft der Leiter des Glocken- und Orgelprüfungsamtes auch auf einen Zuschuss des Denkmalamtes.

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