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Die Kleinen bald tot?

Bäcker und Metzger klagen über Personalprobleme und Konkurrenz

Wenn andere Leute sich schlafen legen, dann fängt für Horst Friebolin der Tag erst richtig an. Der Wössinger Bäcker ist bald der letzte seiner Zunft in Walzbachtal und das hängt nicht nur mit seinen ungewöhnlichen Arbeitszeiten zusammen. Von ehedem sechs Walzbachtaler Kollegen wird bald nur noch er übrig sein.

Er allerdings ist entschlossen, die Bäcker-Fahne eisern hoch zu halten. „Ich will meinen Laden auf keinen Fall zu machen. Es darf nicht sein, dass es nur noch Große gibt“, sagt er.

Würde sich gerne Verstärkung beim Brezelbacken wünschen – Horst Friebolin.

Während der 63-Jährige sich noch wie Asterix der kleine Gallier gegen eine Übermacht tapfer wehrt, hat im anderen Ortsteil gerade wieder ein Kollege aufgegeben. Die traditionsreiche Jöhlinger Bäckerei Bohmüller hat angekündigt, im April die letzten Brote zu backen. Ein Schelm der Böses dabei denkt, dass Ende März in unmittelbarer Nachbarschaft die Bäckerei-Kette Nussbaumer im Haus der Gesundheit eine weitere Filiale öffnen wird.

Wolfgang Bohmüller macht wahr, was Jürgen Prestel prophezeit. „Um die Zukunft des Bäckereihandwerk steht es schlecht. Kleine Betriebe wie uns wird es bald nicht mehr geben“, meint der Neudorfer Bäcker Er hatte deutliche Einbußen erlitten, nachdem kaum 500 Meter von seinem Geschäft entfernt eine Einkaufsmeile mit Aldi& Co eröffnet habe. „Einen jesusmäßigen Einbruch“ habe ihm die gebracht.

Über Probleme wegen wegbrechenden Umsatzes klagt Horst Friebolin nicht. „Es läuft“, sagt er. Selbst die Neu-Eröffnung des Wössinger REWE habe er nicht gespürt. Für ihn stehe das Personal-Problem im Vordergrund. „Bei uns kriegst du keine Leute“, bedauert er. Das hänge mit der Arbeitszeit zusammen. Sehr schädlich machten sich überdies die vielen Kontrollen und Auflagen durch die Lebensmittelaufsicht bemerkbar.

Was bei den Bäckern eher noch sacht anklingt, darüber führen die Metzger lautstark Klage. Die Bürokratie sei eine wahre Landplage, meint nicht nur der Jöhlinger Albert Kunz. Die Dokumentationspflichten seien mittlerweile so umfangreich, dass es einfach keinen Spaß mehr mache.

Genauso sieht das der Berghausener Ex-Obermeister der Fleischerinnung. Heinz Kunzmann, Gründer der in Grötzingen, Berghausen und Weingarten beheimateten Metzger-Dynastie, gibt sich aber selbstbewusst: Den Metzgern gehe es gut und es könnte ihnen noch viel besser gehen, wenn es nicht so viel Bürokratie gäbe. „Machst du Qualität, dann läuft das Ding“, fasst er zusammen. Die Qualität habe sich bei den Kunden rumgesprochen und die zahlten dafür gern auch mal einen höheren Preis.

Albert Kunz arbeitet allein in seiner Wurstküche in der Grombacher Straße

„Die Supermärkte nehmen uns nicht viel weg“, meint er zu der großen Konkurrenz, deren Preisgestaltung er andererseits heftig kritisiert. „Wenn Hackfleisch billiger ist als Hundefutter, dann stimmt einfach etwas nicht mehr“. Albert Kunz pflichtet ihm bei: „Lebensmittel haben einfach keine Wert mehr“.

Ein anderes Problem drückt Bäcker und Metzger mehr. Mit dem Personal tun sich alle schwer. Lehrlinge zu bekommen sei praktisch unmöglich. Das macht sich unweigerlich bei der Zahl der Betriebe bemerkbar. Hätte seine Innung 1995 noch rund 150 Betriebe gezählt, so sei heute mit 64 noch nicht mal die Hälfte übrig, berichtet Kunzmann. Albert Kunz wagt eine sehr skeptische Prognose: „In zehn Jahren haben wir keine kleinen Metzgereien mehr“.

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Kommentare (3)

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    wessinga

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    Tja, wenn durch jahrelangem Genuss der Industrienahrung mit ihren künstlichen Aromen, Geschmacksverstärkern und anderen chemischen (Profit)-Kampfstoffen die Geschmacksnerven verkümmert sind, merkt man scheinbar keinen Unterschied mehr zwischen einer frischen Brezel vom Meister und dem aufgebackenen Tiefkühlschrott der Kettenhaie. Ich kaufe beim Horst und da schaue ich auch nicht auf den Preis, weil ich da nicht beschissen werde. Qualität ist durch nichts zu ersetzen.

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    Bernhard

    |

    Als Antwort auf: Die Kleinen bald tot?
    „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass Ende März in unmittelbarer Nachbarschaft die Bäckerei-Kette Nussbaumer im Haus der Gesundheit eine weitere Filiale öffnen wird.“

    Nun, die Entscheidung der Fam. Bohmüller, ihre Bäckerei zu schließen, hat mit der bevorstehenden Neueröffnung der Nussbaumer-Filiale mit Sicherheit überhaupt nichts zu tun. Schließlich gab es auch schon vorher einen „Nussbaumer“ und auch einen „Gerweck“ in Jöhlingen, und gerade letztere Filiale war ja auch nicht wirklich weit entfernt vom „Bäckervogel“. Zu starker Umsatzrückgang durch zu viel Konkurrenz ist angesichts der starken und treuen Stammkundschaft kein Thema, das dem Bohmüller-Team größeres Kopfzerbrechen bereitet. Die Geschäftsaufgabe hängt m.W. schon längere Zeit in der Luft und wurde schließlich jetzt endgültig beschlossen, weil die notwendigen Investitionen einfach zu hoch sind: Wenn in einer Bäckere der Ofen, das Herzstück der Backstube, seinen Geist aufzugeben droht und schließlich kaum ein Tag oder eine Woche vergeht, an dem er nicht notdürftig „geflickt“ werden muss, wenn dann auch bei mehreren der anderen Maschinen abzusehen ist, dass sie baldigst ersetzt werden müssten, wenn eine Erneuerung der Kühlgeräte ebenso dringend ansteht, und wenn man dann überlegt, dass es in der Familie niemand gibt, der den Betrieb weiterführen wird und es mehr als fraglich ist, ob man einen anderen/fremden Nachfolger finden würde in einem Berufszweig, der sowieso starke Nachwuchsprobleme hat und wo es generell sowieso sehr schwer geworden ist, gutes und zuverlässiges Personal zu finden, dann fragt man sich schon, ob man wenige Jahre vor dem wohlverdienten Ruhestand nochmals derart hohe Beträge, die man niemals wieder wird erwirtschaften können, wirklich tätigen soll. Und wenn dann auch noch gesundheitliche Probleme dazukommen bleibt eigentlich kaum eine andere „vernünftige“ Entscheidung als die, den Betrieb zu schließen, auch wenn es den Verantwortlichen ganz sicher alles andere als leicht gefallen ist. Angst vor der Konkurrenz, wie der Artikel ein wenig unterstellt, hat und hatte man bei der Bäckerei Bohmüller ganz bestimmt nicht! Wenn die Qualität stimmt, dann sind in aller Regel auch die Kunden in ausreichender Anzahl vorhanden, sogar, wenn direkt im Nachbarhaus ein anderer Betrieb in der gleichen Sparte tätig wäre.

    Schade, dass wir Jöhlinger mit unserem „Bäckervogel“ wieder einen Jöhlinger Traditionsbetrieb verlieren und zum Ausgleich (zumindest hier direkt vor Ort) künftig ebenfalls auf Massenproduktionsware angewiesen sein werden.

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    Bianca

    |

    Oh nein, der Bäcker Bohmüller schliesst? Für den bin ich gern an 3 Kettenbäckern vorbei gefahren, nur um echte Produkte zu bekommen. Gerade samstags war schön zu sehen, wie leer die Ketten waren und wie lang die Warteschlange beim Bohmüller 🙂

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