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Chaos auf der S4

Frustrierte Fahrgäste organisieren Alternativtransporte / Aber: Stellwerkstörung endlich behoben
Ein Sturm der Entrüstung tobt derzeit bei den Walzbachtaler Stadtbahnfahrern über den Karlsruher Verkehrsbetrieben. Ein Ausfall eines kleinen Stellwerks am Jöhlinger Bahnhof sorgt für ein Chaos ohnegleichen auf der Strecke zwischen Durlach und Bretten. Dort gleichen die Verkehrsverhältnisse jenen im afrikanischen Busch. Einen Fahrplan gibt es nicht mehr. Man stellt sich an die Haltestelle und lässt sich überraschen. Mal kommt der Bus des Schienenersatzverkehrs, mal kommt er nicht.

Dabei kommt es zu mitunter geradezu grotesken Situationen. Eine besonders beeindruckende schildert Brigitte Schneider, die täglich zur Arbeit nach Karlsruhe muss, ihre Tochter nach Weingarten in die Gemeinschaftsschule. Was besonders für die Tochter bereits im Normalzustand eine stattliche Koordination verlangt, wird jetzt geradezu zum Labyrinth. An der Jöhlinger Haltestelle Ost habe das Informationslaufband beispielsweise als Haltestelle für den Schienenersatzverkehr (SEV) den Bahnhof eingeblendet. Am Bahnhof aber hält kein Bus. Also heißt es weiter laufen an die Bushaltestelle an der B293. Wer hofft, dann mit dem Linienbus fahren zu können, dem bedeutet schon mal der Fahrer: „Nö, hier dürfen keine Erwachsenen rein. Nur Schüler dürfen mitfahren“. Der nächste Bus war dann so pickepackevoll, dass niemanden mehr einsteigen konnte. Wartezeiten von eineinhalb Stunden und mehr an den Bushaltestellen seien keine Seltenheit.

Wer glücklich einen Bus erreicht hat und in Berghausen auf die S5 Richtung Karlsruhe umsteigen will, dem stellt sich dort oft eine andere Hürde in den Weg, berichtet Tanja Koch. Die Bahn komme mit nur einem schon voll besetzten Wagen, in den die Fahrgäste des Busses sich zwängen müssen. „Ich komme mir da vor wie bei einem Viehtransport. Manchmal finden nicht alle einen Platz“, schildert sie eine drangvolle Enge.

Verschlimmert wird die Situation durch eine Informationspolitik der AVG, die durchweg als Katastrophe beschrieben wird. Die Laufbänder an den Stadtbahnhaltestellen bringen lediglich den Hinweis „Stellwerkausfall. Ersatzverkehr mit dem Bus“. Ständig wechselnde Informationen würden eher zur Verunsicherung beitragen, berichtet Agnes Langer. Nach dem Motto „Selbst ist der Mann“ versuchen dann viele, über das Handy aus der Homepage der KVV die notwendigen Informationen zu holen. Klappt ebenfalls nicht, lautet die bittere Erfahrung nicht nur von Brigitte Schneider, sondern auch von Tanja Koch oder Agnes Langer. Die Apps der Bahn oder der KVV seinen ein Totalausfall. Der Höhepunkt: „Als ich mal die Hotline am Telefon erreicht habe, haben die noch nicht mal gewusst, dass es überhaupt eine Störung gibt“, entsetzt sich Brigitte Schneider. Für sie gibt es nur einen Ausweg: „Ich fahre jetzt wieder mit dem Auto“.

Ganz Findige setzen mittlerweile nicht mehr auf die AVG. „Für mich ist facebook das einzige Medium um zu erfahren, ob eine Busverbindung klappt oder nicht“, meint Tanja Koch, die geradezu verzweifelt der nächsten Woche entgegenbangt: „Ich hab schon Bauchweh wie ich die nächste Woche ins Geschäft kommen soll.“ Die Jöhlingerin erhält über eine Walzbachtal-Seite Informationen von den Pendlern, die schon eine Stunde vor ihr zur Arbeit fuhren. „Wir müssen uns selbst organisieren, sonst weiß man nie, wann und wo ein Bus kommt“, lautet für sie die Schlussfolgerung.

Überhaupt nicht mehr auf die AVG setzen andere. Es hat sich unter den Fahrgästen eine Mitfahrcommunity entwickelt. „Ich habe in Facebook gefragt, ob mich morgen früh um 6:15 Uhr jemand mitnimmt nach Karlsruhe. Fünf Minuten später hat sich jemand gemeldet, der mich sogar zu Hause abholt“. Das korrespondiert mit Angeboten: „Ich fahre morgen früh von Wössingen nach Durlach. Habe 3 Plätze im Auto frei. Abfahrt hier 7:30Uhr. Einfach kurz melden“, lautet ein anderes Posting.

Je länger die Situation anhält, desto aufgeheizter wird die Stimmung unter den Fahrgästen. Dies umso mehr als das Chaos mit einer Fahrpreiserhöhung einhergeht. Da wird schon mal die Forderung nach Wiedergutmachung laut. Man will sich nicht mit der KVV-Entschuldigung begnügen „für die durch die Stellwerksstörung entstandenen Unannehmlichkeiten.“ Brigitte Schneider wird Entschädigung einfordern. Tanja Koch überlegt noch zögerlich zwar, einen Monat die Abbuchung für das Ticktet zu stornieren. Mit dem Zaunpfahl winkt gar Agnes Langer: „Die Franzosen ziehen gelbe Westen an“, zeigt sie Bewunderung für das rebellische gallische Völkchen. Ein bisschen solchen Widerstandsgeist könne man auch hier gebrauchen. Tanja Koch hofft derweil weiter auf eine gutes Ende. Für sie wäre es „das schönste Vorweihnachtsgeschenk, wenn die Stadtbahnen diese Woche wieder regulär fahren würden“.

Das Geschenk ging in Erfüllung. Heute Morgen schob die AVG diese Pressemeldung nach:
Stellwerksstörung bei Jöhlingen behoben:
Linie S4 verkehrt wieder regulär zwischen Bretten und Grötzingen

Die Stellwerksstörung im Bereich Jöhlingen West ist behoben. Die Bahnen der Linie S4 verkehren wieder regulär zwischen Karlsruhe und Heilbronn. Die Umleitung der Bahnen über Bruchsal und der Schienenersatzverkehr zwischen Berghausen und Bretten wurden inzwischen eingestellt. Technischen Experten der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) und der Deutschen Bahn hatten auch am Wochenende intensiv daran gearbeitet, die Stellwerksstörung zu beheben. Nach dem Austausch von drei Baugruppen und einer Relaisschiene konnte die Leistungsfähigkeit des Stellwerkes stabilisiert und der Streckenabschnitt wieder für den regulären Bahnverkehr freigegeben werden. Die AVG entschuldigt sich bei allen Reisenden für die durch die Stellwerksstörung entstandenen Unannehmlichkeiten.

Diskutiert werden können die ganzen Unannehmlichkeiten übrigens am 9. Januar im Jöhlinger Naturfreundehaus. Der SPD-Ortsverein Walzbachtal hat Vertreter der AVG zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Zugesagt haben Daniel Sartorius, Unternehmensbereichsleiter Verkehr und stellvertretender Eisenbahnbetriebsleiter, sowie Kai Kampermann, Leiter Abteilung Betriebliches Qualitätsmanagement.

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Kommentare (3)

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    Chris

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    Als Antwort auf: Chaos auf der S4
    Und woher kommt das Problem? Vielleicht entstand der Schaden aufgrund der Durchfahrt der Güterzüge? Als die Strecke Pforzheim gesperrt war, fuhren schwere Güterzüge durch Jöhlingen. Sind die Schienen dafür (Gewicht) ausgelegt?

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      bauigel

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      Als Antwort auf: Chaos auf der S4
      Das Problem kommt daher, dass die Technik zur Verbindung zwischen der „Bedienstelle“ in Grötzingen und der „Außenstelle“ in Jöhlingen nicht mehr neu eingebaut werden darf (Verfügung des Eisenbahnbundesamts) und dass deshalb seit über 10 Jahren keine Ersatzteile mit bahnaufsichtlicher Zulassung hergestellt werden.
      Ein Ersatz der Anlage war schon mehrfach angedacht, scheitert aber daran, dass der auch der „berühmt-berüchtigte“ Bahnübergang in Kleinsteinbach von der Grötzinger Anlage ferngestellt wird und bei einem Umbau der Grötzinger Anlage die Zulassung verliert (ebenfalls Verfügung des Eisenbahnbundesamts).
      Deshalb müsste vor einem (vom Eisenbahnbundesamt zu genehmigenden) Umbau in Grötzingen eine Änderung der Kreuzungsvereinbarung zwischen der DB und der Gemeinde Pfinztal für den Bahnübergang in Kleinsteinbach abgeschlossen werden. (Letzter Gemeinderatsbeschluss im Pfinztal mit „geringfügiger“ Meinungsänderung war im Oktober diesen Jahres).
      Bis das Thema Kleinsteinbach geklärt ist, bleiben für Jöhlingen nur „Bastelreparaturen“ und die Hoffnung auf eine möglich lange Lebensdauer von gebrauchten Ersatzteilen, die andernorts beim Rückbau gleichartiger Anlagen freiwerden. Eine bundesweite Suchmeldung über die zentrale Signalwerkstatt der DB in Wuppertal ist angeblich dauerhaft geschaltet…

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    Thomas

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    Als Antwort auf: Chaos auf der S4
    Ja, die Schienen sind dafür ausgelegt. Die Strecke Jöhlingen ist eine Schwertransportstrecke. Sie wurde unter anderem in den 70er-80er für Militärtransporte genutzt. Daher durfte diese Strecke wie Anfangs geplant nicht geschlossen werden. Sie ist eine der wenigen Schwertransportstrecken zwischen Karlsruhe und Heidelberg.

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